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Fürstenberg

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Eileen / philosophie

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Filmrezension "Die 12 Geschworenen"

erstellt von Eileen Fürstenberg

 

"Schuldig" oder "nicht schuldig"?

 

Der auf einen authentischen Fall beruhende Schwarzweißfilm "Die 12 Geschworenen" (publiziert im Jahre 1957) spielt, mit Ausnahme weniger Szenen, in einem kleinen und bedrückend heißen Beratungszimmer eines New Yorker Gerichtes.

Am Anfang kennen wir als Zuschauer, im Gegensatz zu den zwölf Protagonisten, die einzelnen Indizien und Zeugenaussagen nicht, da wir das Gerichtsverfahren nicht mitverfolgen konnten. Das Urteil - "SCHULDIG" - gegen den achtzehnjährigen Jungen, der seinen Vater mit dem Messer ermordet haben soll, scheint schnell klar zu sein. Er wuchs in einem Viertel auf, in dem Gewalt und Armut vorherrschen und stand bereits mehrmals mit der Justiz im Konflikt. Doch nach einer Abstimmung der 12 Männer stellen sie fest, dass ein Geschworener von ihnen (gespielt von Henry Fonda) wider Erwarten "nicht schuldig" auf seinen Zettel schreibt. Nur er allein zweifelt an der Schuld des Angeklagten und bringt seine Argumente vor. Es kommt zu einer erregten Diskussion über Recht und Unrecht, Indizien und Schuld. Den lästigen Abweichler wollen die anderen elf Geschworenen umstimmen: "Sie sind der Einzige, der aus der Reihe tanzt. Nehmen wir an, sie überzeugen uns alle und der Sohn hat den Vater doch erstochen? Sie denken zu viel, da ist noch nie was rausgekommen.", um die Sache so rasch wie möglich hinter sich zu kriegen, aber Fonda gelingt es- sehr überzeugend und engagiert- den Fall noch einmal zu rekonstruieren und jedes der Indizien, vorgefassten Meinungen und Vorurteilen einer genauen Prüfung zu unterziehen. Der Prozess der Wahrheitsfindung verunsichert einige. Die unterschiedlichen Persönlichkeiten, deren Empfindungen und gegensätzliche Haltungen prallen zum Teil aggressiv aufeinander: Trotzdem vergrößert sich, mit jeder neuen Abstimmung, die Zahl derjenigen, die für "nicht schuldig" plädieren. Schließlich bleibt nur noch ein einziger Mann (Lee J. Cobb) übrig, der für "schuldig" votiert. Dieser muss nach einer heftigen Auseinandersetzung und Beschimpfungen gegen den Rest der Geschworenen "Ihr seid eine lächerliche Bande von Schwächlingen, ich habe ein Recht auf eine eigene Meinung" zugeben, dass er sich von seiner aggressiven Voreingenommenheit leiten ließ. Am Ende kommt ein einstimmiges "Nicht schuldig" zustande.

In einer dichten und packenden Erzählweise, wenig Effekten, schweißtreibenden Nahaufnahmen, sparsamste musikalische Untermalungen und ausgezeichneten Schauspielern mit glaubhaften Charakteren fängt Sidney Lumet in seinem Erstlingswerk, geschrieben vom Drehbuchautor Reginald Rose, die drückende Atmosphäre ein, in der 12 Männer um ein Urteil ringen. Die dramatischen Diskussionen spitzen sich bis zum Ende zu, so dass die Spannung bis zur letzten Minute steigt.

Keine Rückblenden lenken von der Gruppendynamik ab, die sich zwischen den zwölf Menschen entwickelt.

Die 12 Geschworenen sind auf der Suche nach der Wahrheit und analysieren die Zeugenaussagen, die den Beweis bringen sollen. Sie stellen fest, dass es keine perfekte Zeugenaussage gibt. Später stoßen sie auf Dinge, die im Gerichtssaal selbst überhaupt nicht angesprochen und von den Anwälten nicht erkannt wurden.

Der außergewöhnlich spannende, eine zeitlose Problematik diskutierende Film, veranschaulicht, wie sehr wir uns von unseren Vorurteilen leiten lassen und wie schwer wir davon abzubringen sind. Es ist wichtig vor dem Fällen eines Urteils oder dem Aberkennen eines Menschenlebens, anderen zuzuhören, sich mit abweichenden Meinungen auseinanderzusetzen, Beweise aufzubringen und nicht nur an den Zeugenaussagen festzuhalten.

Nur wenn die Oberfläche durchdrungen wird, nähern wir uns der "Wahrheit", aber der Weg dort hin ist schwer.

letzte Aktualisierung 11. April 2008