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Fürstenberg

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Erziehungswissenschaften

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Asyle

nach Erving Goffman

Goffman, Erving (1973): Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen (1961). Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, S. 15-94.

Einleitung

  • 1. Soziale Einrichtungen (Anstalten) sind Räume, Wohnungen, Gebäude oder Betriebe, in denen regelmäßig eine bestimmte Tätigkeit ausgeübt wird
  • Die Soziologie bietet dafür keine zutreffende Definition
  • 2. Jede Institution nimmt einen Teil der Zeit und der Interessen ihrer Mitglieder in Anspruch und stellt für sie eine Art Welt für sich dar
  • Alle Institutionen sind tendenziell allumfassend
    • Einige Institutionen sind ungleich allumfassender als andere
    • Allumfassender oder totaler Charakter wird symbolisiert durch:
      • Beschränkungen des sozialen Verkehrs mit der Außenwelt
      • Beschränkung der Freizügigkeit, die häufig direkt in die Anlage eingebaut sind, wie verschlossene Tore, hohe Mauern, Stacheldraht, Felsen, Wasser, Wälder oder Moore
        • Totale Institutionen
  • Totalen Institutionen unserer Gesellschaft lassen sich in fünf Gruppen zusammenfassen:
    • 1. Anstalten, die der Fürsorge für Personen dienen, von denen angenommen wird, dass sie unfähig sind, für sich selbst zu sorgen und das sie eine Bedrohung der Gemeinschaft darstellen (Tuberkulose-Sanatorien, Irrenhäuser, Leprosorien)
    • 2. Anstalten, die dem Schutz der Gemeinschaft vor Gefahren dienen, wobei das Wohlergehen der Personen nicht unmittelbarer Zweck ist (Gefängnisse, Zuchthäuser, Kriegsgefangenenlager, Konzentrationslager)
    • 3. Institutionen, die darauf abzielen, bestimmte, arbeit-ähnliche Aufgaben besser durchführen zu können und die sich nur durch diese instrumentellen Gründe rechtfertigen (Kasernen, Schiffe, Internate, Arbeitslager, koloniale Stützpunkte, Gutshäuser)
    • 4. Einrichtungen, die als Zufluchtsorte vor der Welt dienen und die zugleich religiöse Ausbildungsstätten sind (Abteien, Klöster, Konvente und andere mönchische Wohngemeinschaften)
    • 5. Anstalten, die zur Fürsorge für Menschen eingerichtet sind, die als unselbstständig und harmlos gelten (Blindenheime, Altersheime, Waisenhäuser, Armenasyle)
  • Begriffliches Problem
    • Keines der Merkmale in totalen Intuitionen ist allen gemeinsam
    • Keines der Merkmale findet sich ausschließlich in totalen Intuitionen
  • 3. In der modernen Gesellschaft besteht eine grundlegende soziale Ordnung
    • Der einzelne schläft, spielt und arbeitet an verschiedenen Ortenund dies mit wechselnden Partnern, unter verschiedenen Autoritäten und ohne einen umfassenden rationalen Plan
  • Zentrales Merkmal der totalen Institutionen:
    • Schranken, die diese drei Lebensbereiche voneinander trennen sind aufgehoben
      • 1. Alle Angelegenheiten des Lebens finden an ein und derselben Stelle, unter ein und derselben Autorität statt
      • 2. Die Mitglieder der Institution führen alle Phasen ihrer täglichen Arbeit in unmittelbarer Gesellschaft einer großen Gruppe von Schicksalsgenossen aus, wobei allen die gleiche Behandlung zuteil wird und alle die gleiche Tätigkeit gemeinsam verrichten müssen
      • 3. Alle Phasen des Arbeitstages sind exakt geplant. Die ganze Folge der Tätigkeiten wird von oben durch ein System expliziter formaler Regeln und durch einen Stab von Funktionären vorgeschrieben
      • 4. Die verschiedenen erzwungenen Tätigkeiten werden in einem einzigen rationalen Plan vereinigt, der dazu dient, die offiziellen Ziele der Institution zu erreichen
  • Zentrales Faktum totaler Institutionen
    • Die Handhabung einer Reihe von menschlichen Bedürfnissen durch die bürokratische Organisation ganzer Gruppen von Menschen
      • Wenn Menschen in Blöcken bewegt werden, können sie durch Personal beaufsichtigt werden
      • Hauptaufgabe ist die Überwachung
      • Es wird darauf geachtet, dass jeder das tut, was ihm klar und deutlichen befohlen wurde
      • Verstoß des einzelnen hebt sich gegen die sichtbare, jederzeit überprüfbare Willfährigkeit der anderen ab     
  • Die großen Gruppen von gemanagten Menschen (Insassen) und das zahlenmäßig geringere Aufsichtspersonal sind aufeinander angewiesen
  • Fundamentale Trennung zwischen den Insassen und dem Aufsichtspersonal
  • Insasse lebt in der Institution und hat beschränkten Kontakt mit der Außenwelt
  • Personal arbeitet häufig auf der Basis des 8-Stundetages und ist sozial in die Außenwelt integriert
  • Das Personal hält die Insassen für verbittert, verschlossen und wenig vertrauenswürdig
  • Die Insassen halten den Stab als herablassend, hochmütig und niederträchtig
  • Das Personal hält sich für überlegen und glaubt das Recht auf seiner Seite
  • Die Insassen halten sich für unterlegen, schwach, tadelnswert und schuldig
  • Zwischen beiden Gruppen besteht eine große und oft formell vorgeschriebene soziale Distanz
  • Gespräche werden in einer bestimmten Tonlage geführt
  • Ein gewisses Maß an Kommunikation zwischen den Insassen und dem Aufsichtspersonal ist nötig
  • Wärter haben die Funktion, die Kommunikation zwischen den Insassen und den höheren Ebenen des Stabs zu kontrollieren
  • Weitergabe von Informationen über die Pläne des Stabes für die Insassen beschränkt
    • Es ist typisch, dass der Insasse von den Entscheidungen, die sein Geschick betreffen, keine Kenntnisse erhält
    • Dieses vorenthalten von Informationen gibt dem Stab besondere Voraussetzungen für die Distanz von den Insassen und die Kontrolle über die Insassen
  • Es entwickeln sich zwei soziale und kulturelle Welten, die mit einigen offiziellen Berührungspunkten nebeneinander bestehen, sich jedoch kaum gegenseitig durchdringen
  • Stab und Insassen sehen das Gebäude wie den Namen der Institution als etwas dem Stab Gehörendes an, so dass beide Gruppen, wenn sie von den Belangen der Institution sprechen, sich auf die Belange und Interessen des Stabs beziehen
  • Trennung zwischen Stab und Insassen ist hauptsächlich Folge der bürokratischen Führung großer Menschenmassen, an zweiter Stelle steht die Arbeit
  • Das Leben in unserer Gesellschaft ist so organisiert, dass die Autorität des Arbeitsplatzes für den Arbeitnehmer mit dem Erhalt des Lohnes endet
    • Autorität des Arbeitsplatzes wird in fest umschriebenen Grenzen gehalten
  • Der ganze Tagesablauf von Insassen wird in totale Institutionen vorgeplant und auch die wesentlichen Bedürfnisse müssen vorgeplant werden
    • Arbeitsanreiz wird nie die gleiche strukturelle Bedeutung wie draußen haben
    • Verschiedene Motive für die Arbeit und verschiedene Einstellungen zu der Arbeit
    • Mitunter wird ein geringes Maß an Arbeit verlangt
      • Arbeit wird vielleicht sehr langsam ausgeführt und ist in ein System von geringfügigen, häufig zeremoniellen Belohnungen eingebettet
    • In anderen Fällen wir ein voller und harter Arbeitstag verlangt
      • Keine Belohnung, sondern Androhung physischer Strafen
    • Alle Bedürfnisse werden durch die Institution organisiert, und Lohn gibt es erst, wenn eine Arbeitssaison vorüber ist und die Männer den Betrieb verlassen (Handelsschiffen, Holzfällerlager)
    • In manchen Institutionen herrscht eine Art Sklaverei
      • Gesamte Zeit der Insassen durch den Stab verplant
        • Hier kann es zu einer Entfremdung des Selbstwertgefühls der Insassen kommen und zu einer Entfremdung des Besitzsinnes
    • Individuum wird durch das Arbeitssystem der totalen Institution demoralisiert
    • Zwischen der totalen Institution und der fundamentalen Arbeit-Lohn-Struktur unserer Gesellschaft besteht ein Widerspruch
    • Totale Institutionen sind mit der Familie unvereinbar
      • Wer mit einer Gruppen von Arbeitskameraden zusammen arbeitet, isst und schläft, ist kaum in der Lage, eine sinnvolle häusliche Existenz aufrecht zu erhalten
      • Familien geben den Mitgliedern des Stabes die Möglichkeit, in die Gemeinschaft der Außenwelt integriert zu bleiben und dem allumfassenden Anspruch der totalen Institution zu entgehen
      • Totale Institutionen verfügen über Macht, die z.T. auf der Unterdrückung einer ganzen Reihe von wirklich existierenden oder potentielle Haushalten beruht
      • Die Bildung von Haushalten bietet Garantie, dass totalen Institutionen ein Widerstand entgegengesetzt wird
    • Totale Institutionen sind soziale Zwitter, einerseits Wohn- und Lebensgemeinschaften, andererseits formale Organisation
    • Sie sind Treibhäuser, in denen unserer Gesellschaft versucht, den Charakter der Menschen zu verändern

 

Die Welt der Insassen

  • 1. Insassen kommen mit einer heimisch geprägten Kultur in die Institution
    • Lebensformen und einen Kreislauf von Tätigkeiten werden zum Zeitpunkt des Eintritts in die Anstalt als gesichert angesehen
    • Persönlichkeit
      • Bestandteil eines weiteren Bezugsrahmens seiner bürgerlichen Umwelt, ein Erfahrungsschatz, der ein tolerierbares Selbstbild unterstützte und eine Reihe von Abwehrmanövern ermöglichte, um mit Konflikten Zweifeln und Fehlern fertig zu werden
    • Totale Institutionen setzten nicht ihre eigene, einmalige Kultur an die Stelle von etwas Geformten
    • Personen müssen sich der kulturellen Umwelt der totalen Institution anpassen (Akkulturation), bekommen die Kultur aufgezwungen (Assimilation)
    • Wenn ein kultureller Wechsel eintritt, handelt es sich vielleicht um ein Verwehren bestimmter Verhaltensmöglichkeiten und um die Unmöglichkeit, mit den Verhaltensmöglichkeiten, in der Außenwelt stattgefundenen sozialen Veränderungen Schritt zu halten
    • Wenn der Aufenthalt der Insassen lang andauert, dann kann das eintreten in die Gesellschaft (Diskulturation) schwer fallen
    • Wir haben es hier mit einem Verlern-Prozess zu tun, der den Betreffenden zeitweilig unfähig macht, mit bestimmten Gegebenheiten der Außenwelt fertig zu werden, wenn und falls er hinaus geht
    • Totale Institutionen schaffen eine Spannung zwischen der heimischen Umgebung der der Welt der Institution und benutzen diese Spannung als strategischen Hebel zur Menschenführung
  • 2. Der Neuling kommt mit einem bestimmten Bild von sich selbst in die Anstalt, welches durch bestimmte stabile soziale Bedingungen seiner heimischen Umgebung ermöglicht wurde
  • Beim Eintritt wird er der Bedingungen seiner heimischen Umgebung beraubt, die sein Selbst ausmachten
  • Er durchläuft eine Reihe von Erniedrigungen, Degradierungen, Demütigungen und Entwürdigungen seines Ichs
  • Prozesse, durch die das Ich eines Menschen gedemütigt wird, sind in totalen Institutionen ziemlich gleich
    • 1. Die totale Institutionen errichtet eine Schranke zwischen dem Insassen und der weiteren Welt
    • 2. (bürgerliches Leben: planmäßige Reihenfolge der Rollen eines Individuums) Die totalen Institutionen unterbrechen die Rollenplanung, denn die Trennung des Insassen von der weiteren Welt dauert rund um die Uhr an und kann jahrelang dauern. Es tritt ein Rollenverlust ein.In vielen totalen Institutionen wird das Privileg, Besuch zu empfangen oder außerhalb der Anstalt Besuche zu machen, anfangs völlig vorenthalten, wodurch ein tiefer Bruch mit den frühen Rollen und eine Anerkennung des Rollenverlustes sichergestellt wird.
  • War der Eintritt eines Neulings freiwillig, hat dieser sich bereits teilweise von seiner heimischen Umgebung gelöst
    • Die Institution zerstört etwas, das bereits im Verfall begriffen ist
  • Falls der Insasse in die Welt zurückkehrt, kann er einige Rollen re-etablieren und andere Verlust sind unwiderruflich und werden als schmerzhaft erfahren
    • Es ist vielleicht unmöglich, in einer späteren Phase des Lebenszyklus diese verlorene Zeit nachzuholen
      • Dieser Verlust findet einen Ausdruck im Begriff des „bürgerlichen Todes“
  • Durch die Schranke, die den Insassen von der Außenwelt trennt, gehen bestimmte Rollen verloren
  • Weitere Verluste und Demütigungen bei Eintritt in die totale Institution:
    • 3. Aufnahmeprozeduren
      • Aufnahme des Lebenslaufes, Fotografieren, Wiegen, messen, Abnehmen von Fingerabdrücken, Leibesvisitation, Erfassung der persönlichen Habseligkeiten zur Einlagerung, Entkleiden, Baden, Desinfizieren, Haareschneiden, Ausgabe von Anstaltskleidung, Einweisung in die Hausordnung, Zuweisung von Schlafplätzen
    • Aufnahmeprozeduren sind eher als „Trimmen“ oder „Programmieren“ zu bezeichnen
    • 4. Durch die Form der Isolierung (vielfältige Isolierung bei der Einlieferung) wird es möglich, den Neuankömmling zu einem Objekt zu formen, dass in die Verwaltungsmaschinerie der Anstalt eingefüttert und reibungslos durch Routinemaßnahmen gehandhabt werden kann
    • 5. Behandlung aufgrund von Attributen (Gewicht, Fingerabdruck) lässt die Grundlagen einer früheren Selbstidentifikation außer acht
    • 6. Notwendigkeit, den Neuling von Anfang an zur Kooperation zu veranlassen
      • Personal macht dem Insassen seine Ehrerbietungspflicht klar
        • Insasse kann sich auflehnen oder für immer fügen
      • Ein Insasse der sich widersetzt, wird unmittelbar und sichtbar bestraft und diese Strafen werden gesteigert, bis er sich auf den Knien unterwirft und demütigt
  • Aufnahmeprozeduren und Gehorsamsproben werden „Willkommen“ genannt
    • 7. Personal oder die Insassen, oder auch beide, geben sich Mühe, um dem Neuling einen klaren Begriff von seiner Zwangslage zu geben
      • Zu diesem Eintrittsritual gehört es manchmal auch, dass er mit herabsetzenden Ausdrücken wie "Stift" oder "Moses" belegt wird, die ihm deutlich machen, dass er in dieser niedriggestellten Gruppe einen besonders niedrigen Status hat
    • 8. Die Aufnahmeprozedur kann als Ent- und Bekleiden gekennzeichnet werden, wobei der Mittelpunkt physische Nacktheit ist
      • Entkleiden: Wegnahme des Eigentums , denn die Menschen pflegen ihre persönliche Habe emotionell zu besetzen
      • Wegnahme des vollen Eigennamens, Verlust des Namens kann eine erhebliche Verstümmelung des Selbst darstellen
      • Ist das persönliche Habe des Insassen genommen, muss zumindest einiges durch die Anstalt ersetzt werden
        • Dies erfolgt in standardisierter Form
        • Die betreffenden Gegenstände und die Art der Verteilung sind uniform
        • Diese Ersatzgegenstände sind deutlich als der Anstalt gehörend gekennzeichnet und ich manchen Fällen werden sie in regelmäßigen Abständen eingefordert, so als sollten sie von allen Spuren einer Identifikation gereinigt werden
      • Die Enteignung wird verstärkt, dass den Insassen keine eigenen Schränke zugeteilt werden und das die angesammelten Habseligkeiten von Zeit zu Zeit durchsucht und beschlagnahmt werden
      • Eine Garnitur persönlicher Sachen hat eine besondere Bedeutung für das Selbst des Individuums
    • 9. Der einzelne braucht eine Art "Identitäts-Ausrüstung"(kosmetische Artikel, Kleidung, Frisöre, Schneider) zur Aufrechterhaltung seiner persönlichen Fassade
      • Bei der Aufnahme in eine totale Institution wird das Individuum meist seiner üblichen Erscheinung sowie Ausrüstung und der Dienstleistungen zu deren Aufrechterhaltung beraubt, wodurch es seine persönliche Entstellung erleidet
      • Ausrüstung kann ihm weggenommen oder verweigert werden
        • Einiges davon wird manchmal an einem unzugänglichen Ort aufbewahrt, um zurückgegeben zu werden, wenn der Insasse die Anstalt verlässt
    • Anstaltssachen sind wahllos zugeteilt, schlecht sitzend, häufig abgetragen und einheitlich für große Gruppen von Insassen
    • 10. Persönliche Entstellung, die von unmittelbaren und dauernden körperlichen Verstümmelungen, etwa Brandmalen oder dem Verlust von Gliedmaßen, herrührt
      • Verstümmelungen des Selbst über den Körper nur in wenigen totalen Institutionen
      • Verlust des Gefühls der persönlichen Sicherheit, wodurch die Befürchtungen einer Entstellung begründet sind
      • Schläge, Schocktherapie oder chirurgische Eingriffe können bei vielen das Gefühl auslösen, dass sie sich in einer Umgebung befinden, die keine Gewähr für ihre physische Integrität bietet
    • Bei der Aufnahme kann der Verlust der Identitäts-Ausrüstung das Individuum daran hindern, anderen gegenüber sein normales Selbstbild zu präsentieren
      • Nach der Aufnahme wird das Selbstbild, das der einzelne präsentiert, in anderer Form attackiert
      • Physische Entwürdigung: Alle Vorschriften, Anordnungen und Aufgaben, die den einzelnen zwingen Bewegungen auszuführen und Haltungen einzunehmen, können sein Selbst verletzen
      • Wie das Individuum gezwungen wird, seinen Körper in einer demütigenden Pose zu halten, so muss es häufig auch demütigende verbale Antworten geben
        • Erzwungene Ehrerbietung wird verlangt durch verbale Akte (Mein Herr) und bitten, betteln
      • Demütigende Behandlung der Insassen durch die Mitinsassen oder das Personal:
        • Verbale und gestische Entwürdigungen
          • Belegen den einzelnen mit obszönen Namen, beschimpfen ihn, streichen seine negativen Eigenschaften heraus, hänseln ihn oder sprechen über ihn und seine Mitinsassen, als wären sie nicht anwesend
        • Der einzelne muss ein Verhalten zeigen, was mit seiner Vorstellung von sich selbst unvereinbar ist
      • Individuum ist gezwungen, einen täglichen Lebenszyklus zu durchlaufen, der ihm fremd erscheint, also eine desidentifizierende Rolle zu übernehmen
      • Individuum ist bei der Aufnahme einer verunreinigenden Entblößung ausgesetzt
        • Bereiche des Selbst werden verletzt
        • Die Grenze, die das Individuum zwischen sich selbst und der Umwelt zieht, wird überschritten
        • Die Verkörperung des Selbst wird entwürdigt
      • Der Informationsvorbehalt der eignen Person wird verletzt
        • Bei der Aufnahme werden die Fakten, besonders die diskreditierenden, über den sozialen Status und die Vergangenheit des Insassen gesammelt und in einem dem Personal zur Verfügung stehenden Dokument zusammengestellt
        • Es kann passieren, dass der Insasse Fakten und Gefühle, die seine Person betreffen, ihm bisher unbekannten Zuhörern offenbaren muss (Individualbeichte)
        • Die fremden Zuhörer erfahren nicht nur diskreditierende Tatsachen über den einzelnen, die dieser normalerweise verheimlichen würde, sondern ihre Stellung ermöglicht es ihnen auch, sich diese Informationen direkt zu beschaffen
      • Insasse ist nie völlig allein, stets ist er in Sicht- und Hörweite anderer Personen
      • Entblößung u.a. auch durch türlose Toiletten, kollektive Schlafgelegenheiten und Gittern anstellen von Wänden
      • Verunreinigende Entblößung:
        • Beschmutzen und Besudeln des Körpers oder anderer, mit der eigenen Person identifizierter Objekte
      • Physische Verunreinigung:
        • Unsauberes Essen, dreckige Quartiere, schmutzige Handtücher, vom Schweiß des Vorgängers getränkte Schuhe und Kleidungsstücke, Toiletten ohne Ränder und verdreckte Badegelegenheiten
        • Liegen neben Strebende
        • Insasse ist gezwungen, Medikamente oral oder intravenös einzunehmen, ob er dies will oder nicht
        • Speisen, wie ungenießbar sie auch sein mögen, zu verzehren
          • Weigert er sich zu essen, dann wird sein Inneres durch zwangsweise Fütterung gewaltsam verunreinigt
      • Wenn die Verunreinigungen von einem anderen Menschen verursacht wird, so wird der Insasse zusätzlich durch einen erzwungenen zwischenmenschlichen Kontakt und folglich durch eine erzwungene soziale Beziehung besudelt
      • Zwischenmenschliche Verunreinigung:
        • Vergewaltigung
          • Auch in totalen Institutionen findet sexuelle Belästigung statt
        • Die persönliche Habe des einzelnen wird von dem Beamten, der sie registriert und zur Lagerung vorbereitet, befingert und betatscht
        • Der Insasse selbst wird vielleicht gefilzt und bis hin zur Rektaluntersuchung visitiert
        • Im Verlauf seines Aufenthalts werden häufig sein Körper und seine Schlafstellen untersucht, sei es routinemäßig oder falls er Schwierigkeiten macht
        • Durch den Untersuchenden als auch durch die Untersuchung selbst wird die Privatsphäre des Individuums verletzt
        • Mischung von Altersgruppen, ethnischen und rassischen Gruppen kann dem Insassen das Gefühl geben, dass er durch den Kontakt mit den Mitinsassen, die er ablehnt, verunreinigt wird
        • Wechselseitiger Kontakt mit einer gewissen Bloßstellung unten den Gefangenen verbunden
        • Benamungssystem für die Insassen
          • Das Personal und die Mitinsassen beanspruchen automatisch das Recht, eine intime oder verstümmelte Form der Anrede zu gebrauchen
        • Kontakt eines Außenstehenden (Personal) mit den engen Beziehungen des einzelnen zu seinen Bezugspersonen
          • Persönliche Post der Insassen wird gelesen und zensiert, wobei man sich sogar vor ihm lustig macht
        • Erzwungener öffentlicher Charakter der Besuche
        • Institutionell arrangierte Geständnisse:
          • Wenn der Insasse eine ihm nahestehende Person denunzieren (verpetzen) soll, und besonders wenn diese selbst anwesend ist, dann kann das Eingeständnis der Beziehungen gegenüber Außenstehenden eine erhebliche Verunglimpfung der Beziehungen, und damit des Selbst darstellen
          • Milieutherapie in psychiatrischen Kliniken:
            • Patientenpaare, die ein Verhältnis miteinander haben müssen ihre Beziehung bei den Gruppentreffen miteinander diskutieren
        • Der einzelne ist Zeuge physischer Angriffe auf einen Menschen, dem er sich verbunden fühlt, wobei er unter der permanenten Demütigung leidet, dass er nichts dagegen unternommen hat und dass alle dies wissen
    • Formen der Verunstaltung und der Verunreinigung führen zu einer drastischen Störung seines Selbstwertgefühls
  • 3. Zerstörung des formellen Verhältnisses zwischen dem handelnden Individuum und seinen Handlungen
    • "Looping" (Rückkopplung im Regelkreis): Jemand ruft beim Insassen eine Abwehrreaktion hervor und richtet dann seinen nächsten Angriff gerade gegen diese Reaktion
    • Die Schutzreaktion des Individuums gegenüber einem Angriff auf sein Selbst bricht zusammen, weil er sich nicht, wie gewohnt, zur Wehr setzen kann
    • In der bürgerlichen Gesellschaft kann der einzelne gegenüber Umständen und Androhungen, die sein Selbstbild bedrohen, durch bestimmte reaktive Ausdrucksformen sein Gesicht wahren
    • Das Selbst schützende Ausdrucksverhalten tritt gegenüber demütigenden Forderungen in totalen Institutionen auf, das Personal kann die Insassen für solche Handlungen direkt bestrafen und Verstocktheit oder Auflehnung ausdrücklich zum Anlass weiterer Bestrafung nehmen
    • Weitere Beispiele des Loopings:
      • Durch die stattfindende Vermischung verursacht
      • In totalen Institutionen sind die Lebensbereiche vermischt, so dass das Verhalten eines Insassen auf einem Schauplatz seines Handelns ihm vom Personal in Form von Kritik und Überprüfung seines Verhaltens in einem anderen Kontext vorgeworfen werden kann
    • Angriff auf den Status des Insassen als eines Handelnden (Angriff, der ungenau mit den Begriffen Reglementierung und Tyrannei umschrieben wird)
      • Bürgerliche Gesellschaft: persönliche Ökonomie des Handelns des einzelnen
      • Jeder einzelne hat, sobald er erwachsen ist, sozial akzeptierte Verhaltens-Standards für den größten Teil seines Handelns verinnerlicht
      • In einer totalen Institution werden die Aktivitäten eines Menschen bis ins kleinste vom Personal reguliert und beurteilt
        • Das Leben der Insassen wird dauernd durch sanktionierende Interaktionen von oben unterbrochen, besonders während der Anfangsphase seines Aufenthalts
        • Jede Bestimmung raubt dem einzelnen eine Möglichkeit, seine Bedürfnisse und Ziele nach seinen persönlichen Gegebenheiten auszugleichen und setzt sein Verhalten weiteren Sanktionen aus
          • Die Autonomie des Handelns selbst wird verletzt
      • Mensch ist verpflichtet, bei geringfügigen Handlungen, die er draußen ohne weiteres von sich aus verrichten kann, wie etwa rauchen, sich rasieren, auf Toilette gehen ... zu bitten
      • Pflicht versetzt das Individuum in eine unterwürfige, demütige und für einen Erwachsenen unnatürliche Rolle und gibt dem Personal Gelegenheit, sein Handeln dauernd zu unterbrechen
        • Statt das seine Bitte sofort und automatisch gewährt würde, kann der Insasse gehänselt, ausgefragt, übergangen und auf später vertröstet werden
    • (Verhaltensfragen) Kleidung, Benehmen, Manieren stehen der Beurteilung offen und sind autoritär reglementiert
      • Insasse kann sich dem Druck der ihn beurteilenden Beamten und den Maschen des Zwangs nicht entziehen
    • Vervielfältigung der aktiv erzwungenen Regeln:
      • 1. Regeln sind häufig mit der Verpflichtung verbunden, die reglementierte Tätigkeit in Gruppen von Mitinsassen zu verrichten (Reglementierung)
      • 2. Regeln treten in einem gestaffelten Autoritätssystem auf
        • Jedes Mitglied der Personal-Klasse ist gewissermaßen berechtigt, jedes Mitglied der Insassen-Klasse zu disziplinieren, wodurch sie die Wahrscheinlichkeit von Sanktionen wesentlich erhöht
      • Wo eine gestaffelte Autorität und diffuse, ungewohnte und strikt überwachte Vorschriften vorhanden sind, können wir erwarten, dass die Insassen, vor allem die neu angekommenen, in permanenter Angst vor Übertretung der Regeln und vor den Folgen, denn es drohen ihnen körperliche Verletzungen oder der Tod (Konzentrationslager)
        • Dauernde bewusste Anstrengung, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten
  • 4. Totale Institutionen unterbinden oder entwerten diejenigen Handlungen, die in der bürgerlichen Gesellschaft die Funktion haben, dem Handelnden und seiner Umgebung zu bestätigen, dass er seine Welt einigermaßen unter Kontrolle hat
    • Das er ein Mensch mit Selbstbestimmung, Autonomie und Handlungsfreiheit eines Erwachsenen ist
  • Gelingt es nicht, diese Handlungsfähigkeit des Erwachsenen zu erwerben, so kann dies beim Insassen zu einem erschreckenden Gefühl der völligen Degradierung in der Alters-Rangordnung führen
  • Zu den äußeren Zeichen der Selbstbestimmung gehört selbst gewähltes Ausdrucksverhalten
    • Autonomie wird abgeschwächt durch bestimmte Auflagen (wöchentlicher Brief nach Hause, keine Missfallensäußerungen)
  • Verhalten wird als Zeugnis für den psychischen, religiösen, politischen Bewusstseinsstand eines Menschen gewertet
  • Körperliche Annehmlichkeiten (weiches Bett, Nachtruhe), gehen beim Eintritt in eine totale Institution verloren
    • Verlust dieser Bequemlichkeit kann sich im Verlust der Selbstbestimmung widerspiegeln
  • Insasse wird dazu gebracht, das Aufgeben des eignen Willens zu demonstrieren
  • Einschränkung der Autonomie für jemanden, der in eine Zelle gesperrt ist
  • Persönliche Ohnmacht in totalen Institutionen, wie die Insassen die Sprache gebrauchen
    • Die Verwendung von Wörtern zur Übermittlung von Entscheidungen, die sich auf Handlungen beziehen, setzt voraus, dass der Empfänger (Insasse) einer Anordnung oder eines Befehls für fähig gehalten wird, eine Mitteilung entgegen zu nehmen und aus eigener Kraft zu handeln, um der Aufforderung oder dem Befehl Folge zu leisten
    • Indem er die Handlungen selbst ausführt, erhält er wenigstens den Eindruck, als bestimme er über sich selbst
    • Beantwortet er eine Frage mit eignen Worten, so unterstreicht dies seine Auffassung, dass ein Minimum an Rücksicht auf ihn genommen werden muss
    • Häufig wird sein ritueller Status für zu gering erachtet, als das man ihn auch nur grüßen, geschweige denn ihm Gehör schenken würde
    • rhetorischer Gebrauch der Sprache ist oft von gleichzeitiger Kontrolle des Personals begleitet, die über den Sachverhalt direkt Aufschluss geben
    • Insasse stellt fest, dass es eine doppelte Sprache gibt
  • Begründung, mit der die Angriffe auf das Selbst vorgetragen werden
    • Totale Institutionen samt ihren Insassen sind in drei verschiedene Gruppen zu unterteilen
      • Religiöse Institutionen
        • Die Insassen wie auch der Stab bemühen sich aktiv um diese Einschränkungen des Selbst, und damit werden die Erniedrigungen durch Selbsterniedrigungen, die Einschränkung durch Verzicht, die Schläge durch Selbstgeißelung, das Verhör durch die Beichte ergänzt
      • Konzentrationslager und in Gefängnissen
        • Sind gewisse Demütigungen einzig oder hauptsächlich um der Demütigung willen vorgesehen, z.B. wenn der Gefangene von anderen bepisst wird; in diesem Fall begrüßt der Insasse nicht die Zerstörung seines eigenen Selbst
      • Übrige totale Institutionen
        • Demütigungen werden mit anderen Gründen rationalisiert, etwa bei der Hygiene (beim Latrinendienst), der Verantwortung für das Leben (beim Füttern unter Zwang), der Kampfstärke, der Sicherheit (bei einschränkenden Gefängnisvorschriften)
  • Verschiedenen Begründungen der Demütigung des Selbst sind sehr häufig bloße Rationalisierungen, die dazu dienen, den Tagesablauf einer großen Zahl von Menschen auf beschränktem Raum und mit geringem Aufwand an Mitteln zu überwachen
  • Beschneidung des Selbst in allen drei Fällen
  • Totale Institutionen sind verhängnisvoll für das bürgerliche Selbst
    • Jemand kann freiwillig den Eintritt in eine totale Institution wählen und hinterher Bedauern
    • In religiösen Fällen hegen die Insassen vielleicht anfangs und auch später bewusst den Wunsch, sich den persönlichen Willen nehmen und austreiben zu lassen
  • Eine Herabsetzung oder Einschränkung des Selbst kann für den einzelnen leicht einen akuten psychischen Stress bewirken, doch für jemanden, der mit sich selbst zerfallen oder schuldgeplagt ist, mag die Demütigung psychische Erleichterung bringen
  • Durch Angriffe auf das Selbst hervorgerufene Stress kann häufig durch Dinge verursacht sein, die nicht als zum Selbst gehörig angesehen werden (Fehlender Schlaf, ungenügende Nahrung, hinausgezögerte Entscheidungen)
  • Auch ein hohes Maß an Angst oder das Fehlen von Phantasiematerial (Filme, Bücher), können die psychologische Wirkung einer Verletzung der Grenzen des Selbst erheblich verstärken
  • Stress und Verletzungen des Selbstgefühls häufig gemeinsam untersucht, analytisch handelt es sich jedoch um zwei verschiedene Bezugssysteme
  • 5. Im Verlauf der Demütigungsprozess erhält der Insasse erste formelle und informelle Belehrungen (Privilegiensystem)
  • Das Privilegiensystem bietet einen Rahmen für die persönliche Reorganisation
    • 3 Grundlegende Elemente des Systems
      • 1. Hausordnung
        • Relativ ausführliche Sammlung von Vorschriften und Verordnungen
        • Regeln umschreiben den harten Tagesablauf der Insassen
        • Die Aufnahmeprozeduren, die den Neuling seiner Hilfsmittel berauben, können als Mittel angesehen werden, durch die die Anstalt ihn dazu bringt, sein Leben künftig an der Hausordnung auszurichten
      • 2. Kleine Anzahl klar definierter Belohnungen oder Privilegien sind als Gegenleistung für den Gehorsam gegenüber dem Stab im Handeln wie im Denken vorgesehen
        • Vergünstigungen sind Teile der Rechte, die der Insasse früher für gesichert hielt
        • Vergünstigungen stellen die Verbindung mit der ganzen verlorenen Welt wieder her und verringern die Anzeichen des Rückzuges aus ihr sowie vom eigenen verlorenen Selbst
        • Angangs nehmen die Vergünstigungen die ganze Aufmerksamkeit der Insassen gefangen
        • Die um die kleinen Privilegien herum aufgebaute Welt ist das wichtigste Merkmal der Insassen-Kultur
        • Die Sorge um diese Privilegien führt dazu, dass großzügig geteilt wird
        • Unterhaltung der Insassen dreht sich oft um die in der Phantasie ausgemalten "Entlassungs-Sauftouren", nämlich um die Dinge, die man während des Urlaubs oder nach der Entlassung aus der Anstalt tun will
        • Mit der Phantasie ist das Gefühl verbunden, dass die draußen gar nicht wissen, was für ein schönes Leben sie haben
      • 3. Strafen
        • Sind als Folge von Regel-Übertretungen vorgesehen
        • Strafen bestehen aus dem zeitweiligen oder dauernden Entzug der Privilegien oder der Aberkennung des Recht, sie sich zu verdienen
        • Strafen treffen den Insassen schwerer als alles andere, was er von zu Hause gewöhnt ist
  • Spezielle Merkmale des Privilegiensystems:
    • 1. Strafen und Privilegien
      • Strafen kennt der Insasse von zu Hause nur als etwas, das Tiere und Kinder zukommt
      • Privilegien sind nicht Vergütungen, Vergünstigungen oder Werte, sondern die Abwesenheit von Entbehrungen, die man normalerweise nicht ertragen zu müssen erwartet
    • 2. Die Frage der Entlassung aus der totalen Institution ist in das Privilegiensystem mit eingebaut
      • Mit der Zeit lernt man, dass einige Handlungen dazu beitragen, den Aufenthalt zu verlängern oder zumindest nicht zu verkürzen oder es Mittel gibt, um die Haft zu verkürzen
    • 3. Strafen und Privilegien sind mit dem Arbeitssystem des Hauses gekoppelt
      • Arbeits- und Schlafplätze werden als Orte definiert, wo man Privilegien von bestimmter Art und bestimmtem Umfang erwerben kann
      • Insassen werden oft von einem Ort zum anderen verlegt, was jeweils eine administrative Strafe oder Belohnung sein kann
      • Bestimmte Baracken oder Stationen kommen in den Ruf von Strafräumen für besonders widerspenstige Insassen
      • Wärterposten als Strafen für Mitglieder des Personals
    • Personen, die oft allen Anlass haben, sich unkooperativ zu verhalten, zur Kooperation veranlasst werden
    • Mit dem Privilegiensystem sind bestimmte wichtige Prozess verbunden
      • Es entwickelt sich ein "Anstaltsjargon", in dem die Insassen die für ihre eigene Welt bedeutsamen Ereignisse beschreiben
      • Das Personal, besonders die niedrigen Ränge, kennt diese Sprache und gebraucht sie im Gespräch mit den Insassen
      • Das Personal greift im Umgang mit Vorgesetzten und Außenstehenden stärker auf die Normalsprache zurück
      • Zusammen mit dem Jargon erwirbt der Insasse Kenntnisse über die verschiedenen Beamten- und Dienstränge des Stabes, über Sitten und Bräuche der Anstalt sowie einige Vergleichsdaten über das Leben in anderen, ähnlichen totalen Institutionen
      • Personal wie die Insassen haben eine klare Vorstellung von dem, was in psychiatrischen Kliniken, Gefängnissen und Kasernen als "Unbotmäßigkeit" (Messing-up) bezeichnet wird
      • Messing-up: komplexer Vorgang, der sich aus dem Begehen einer verbotenen Handlung, dem Erwischtwerden und einer darauf folgenden "angemessenen" Bestrafung zusammensetzt
        • Für gewöhnlich tritt eine Veränderung des Privileg-Status ein
        • Zu den "Unbotmäßigkeiten" zählen: Schlägereine, Trunkenheit, Selbstmordversuch, Durchfallen bei Prüfungen, Glücksspiel, Homosexualität
        • Stab und Insassen sind sich einig, dass eine bestimmte Unbotmäßigkeit für den Insassen eine Möglichkeit darstellt, seine Unzufriedenheit mit einer Situation zu zeigen oder eine Möglichkeit, die Entlassung hinauszuschieben (ohne das er seinen Mitinsassen gegenüber zugeben müsste, dass er nicht raus will)
        • Unbotmäßigkeiten spielen eine wichtige soziale Rolle für die Anstalt
          • Altgediente Insassen kommen durch eine Degradierung infolge solcher Unbotmäßigkeiten in Kontakt mit neuen Insassen in Unterprivilegierten Positionen, wodurch ein Informationsaustausch über das System und die ihm angehörenden Menschen aufrechterhalten wird
  • System von sekundären Anpassungsmechanismen:
    • Handlungen, die nicht unmittelbar gegen das Personal gerichtet sind, die es aber dem Insassen erlauben, sich verbotene Genüsse bzw. erlaubte Genüsse mit verbotenen Mitteln zu verschaffen
    • Sekundäre Anpassung hat die Funktion, dem Insassen zu beweisen, dass er noch auf eigenen Füßen steht und eine gewisse Kontrolle über seinen Lebensbereich ausübt
    • Das Vorhandensein der sekundären Anpassungsmechanismen lässt darauf schließen, dass die Gemeinschaft der Insassen einen Code und Mittel der informellen sozialen Kontrolle entwickelt, mit deren Hilfe sie verhindern kann, dass der einzelne Insasse die sekundäre Anpassung eines anderen an den Stab verrät
    • Wenn es den neu hinzugekommenen Insassen gelingt, im System der sekundären Anpassung eine gewisse Rolle zu spielen, etwa in dem sie eine Clique verstärken oder als neue Sexualobjekte interessant sind, dann ist es möglich, dass die zur Begrüßung her umworben oder verführt, als verletzt werden
    • durch die sekundäre Anpassung bilden sich "Küchen-Strata" heraus, eine weitgehend informelle Schichtung, die über Schwarzhandelsgüter existiert
  • Privilegiensystem liefert einen wichtigen Bezugsrahmen, innerhalb dessen der Wiederaufbau eines Selbst geleistet wird
  • Weitere Faktoren, die zum Wiederaufbau des Selbst führen:
    • Die Befreiung von wirtschaftlicher und sozialer Verantwortung
    • Zusammenschluss von Menschen
      • Wenn Menschen sich plötzlich gegenseitige Hilfe leisten und eine Gegenkultur gegen das System entwickeln, welches sie zu einer einzigen Schicksalsgemeinschaft vereinigt
    • Insassen können, wenn ihnen irgendwelche Verbrechen gegen die Gesellschaft zur Last gelegt werden, mit ihren Kameraden Schuldgefühle und hochwirksame Abwehrmechanismen gegen solche Gefühle teilen
    • Es entwickelt sich ein gemeinsames Gefühl, zu Unrecht verfolgt zu sein und ein Gefühl der Verbitterung über die Außenwelt, was einen wichtigen Schritt in der moralischen Karriere des Insassen darstellt
  • Form der sekundären Anpassung: kollektives Hänseln ist durch den Zusammenschluss der Insassen und die Ablehnung des Personals geprägt
    • Solidarität unter den Insassen ist oft stark genug, um flüchtige Gesten des anonymen oder massenhaften Widerstandes zu decken
      • Rufen von Parolen, das Auspfeifen, das Trommeln auf Essgeschirr, der Hungerstreik oder kleine Sabotageakte
      • Aktionen nehmen Formen von Provokationen an
    • Ein Wärter, ein Pfleger oder Aufseher oder sogar das gesamte Personal wird gehänselt, lächerlich gemacht oder mit kleinen Kränkungen bedacht, bis er die Selbstbeherrschung verliert und sich zu Gegenmaßnahmen hinreißen lässt
  • Neben der Zusammenschluss aller Insassen werden häufig noch differenzierte Bindungen eingegangen
    • Eine besondere Solidarität erstreckt sich auf ein physisch umgrenztes Gebiet, etwa eine Station oder Baracke, deren Bewohner des Gefühl haben, von oben als eine Einheit behandelt zu werden und sich ihres gemeinsamen Schicksals bewusst sind
    • Es gibt auch kleinere Einheiten: Cliquen, sexuelle Verbindungen, Kameradschaften
    • Die totale Institution kann Kameradschaft fördern oder ein Paar davon abhalten, sich seine eigene Welt innerhalb der Anstalt zu schaffen
    • Personal ist der Auffassung, dass die Solidarität unter Gruppen von Insassen die Voraussetzung für konzentrierte Aktivitäten schaffen kann, die durch die Hausordnung verboten sind
      • Personal wird versuchen, die Bildung von Primärgruppen zu unterbinden     
  • 6. Tendenzen zur Solidarität durch den Zusammenschluss und Cliquenbildung sind begrenzt
  • Bedingungen, welche die Insassen zwingen, miteinander zu sympathisieren und zu kommunizieren, führen nicht unbedingt zu einer starken Gruppenmoral oder Solidarität
    • Insasse kann seinen Kameraden mitunter nicht trauen
  • In totalen Institutionen gibt es kaum eine Gruppenloyalität, aber es wird allgemein erwartet, dass die Insassen-Kultur zum Teil auf solcher Gruppenloyalität basiert
  • Das Privilegiensystem und die Demütigungsprozesse stellen Bedingungen dar, an die der Insasse sich anpassen muss
  • Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit diesen Bedingungen fertig zu werden
  • Der gleiche Insasse wird unterschiedliche Formen der Anpassung finden und verschiedene alternative Strategien verfolgen
    • 1. Strategie "Rückzugs aus der Situation"
      • Der Insasse zeigt für nichts Interesse, außer für die Dinge, die ihn unmittelbar körperlich umgehen
      • Dramatischer Abbruch der Beteiligung an Interaktionsprozessen (Regression)
      • Art der Anpassung oft irreversibel
    • 2. Strategie "kompromisslosen Standpunkt"
      • Der Insasse bedroht die Institution absichtlich, indem er offenkundig die Zusammenarbeit mit dem Personal verweigert
      • Das Ergebnis ist eine andauernd weitervermittelte Kompromisslosigkeit und manchmal eine hohe individuelle Moral
      • Kompromisslosigkeit ist eine temporäre, anfängliche Reaktion und der Insasse weicht später auf den Rückzug aus der Situation oder eine andere Form der Anpassung aus
    • 3. "Kolonisierung"
      • Aus den maximalen Befriedigungen, die in der Anstalt erreichbar sind, wird eine stabile, relativ zufriedene Existenz aufgebaut
      • Anhand der in der Außenwelt gemachten Erfahrungen wird demonstriert, wie reizvoll das Leben drinnen ist
      • Die Spannung zwischen diesen beiden Welten verringert sich merklich
      • Der einzelne, der zu offen eine solche Haltung einnimmt, wird von seinen Mitinsassen beschuldigt, er habe sich "ein Zuhause geschaffen! oder habe "es nie so gut gehabt"
      • Das Personal selbst kann dadurch ein wenig in Verlegenheit geraten und das Gefühl bekommen, dass die günstigen Aspekte der Situation missbraucht werden
      • fühlen sich verpflichtet, ihre Zufriedenheit in der Anstalt zu verleugnen
      •  Manchmal halten sie es kurz vor ihrer Entlassung nötig, eine Unbotmäßigkeit zu begehen und damit anscheinend unfreiwillig einen Grund für ihre weiterer Inhaftierung zu liefern
      • Durch die Attraktivität der totalen Institution kann die Wahrscheinlichkeit der Kotonisierungen erhöht werden
    • 4. "Konversion"
      • Der Insasse macht sich das amtliche Urteil über seine Person zu eigen und versucht die Rolle des perfekten Insassen zu spielen
      • Die Haltung ist diszipliniert, moralisch und monochrom, wobei er sich als einen Menschen darzustellen sucht, mit dessen Begeisterung für die Anstalt das Personal allezeit rechnen kann
  • In einem Punkt unterscheiden sich totale Institutionen erheblich voneinander
    • Sie ermögliche es dem Insassen, sich an einem Verhaltensmodell zu orientiren, das als ideal gilt und vom Personal gefördert wird
    • Ein Modell, dass sich zum Wohl der Personen, denen es vorgeschrieben wird, auswirke
    • In manchem Institutionen wird kein solches vom Insassen zu verinnerlichendes Ideal gefördert
  • Strategien werden nur von wenigen Insassen in größerem Umfang befolgt
  • In den meisten totalen Institutionen bedienen sich die Insassen einer Strategie, die sich als "ruhig Blut" bewahren bezeichnen lässt
    • Diese besteht aus einer Kombination von sekundären Anpassungen, Konversion, Kolonisierung und Loyalität gegenüber der Gruppe der Insassen, wobei der einzelne Insasse unter den bestehenden Verhältnissen die besten Aussichten hat, physisch und psychisch ohne Schaden zu bleiben
    • Der Insasse wird, wenn er sich in Gesellschaft seiner Kameraden befindet, die Sitten der Gegenkultur befolgen und vor den anderen verheimlichen, wie gefügig er sich verhält, sobald er es allein mit dem Personal zu tun hat
    • Kontakte mit ihren Kameraden sind von geringem Wert
    • Prinzip: "Schwierigkeiten zu vermeiden"
    • Sie werden sich freiwillig nie für etwas einsetzen
    • Technik stellt für die Leute keine Veränderung innerhalb ihrer moralischen Karriere dar, sondern sie ist eine zur zweiten Natur gewordene Form der Anpassung
  • Jeder dieser Strategien bietet eine Möglichkeit, mit den Spannungen zwischen dem Leben in der heimischen Umgebung und dem Leben in der Anstalt fertig zu werden
  • Manchmal war die heimische Umgebung eines Insassen so beschaffen, das sie ihn bereits gegen die triste Welt der Anstalt immunisierte
    • Können Anpassungsmechanismen anwenden, die sie in ähnlichen Institutionen gelernt und vervollkommnet haben
  • Immunisierungseffekt:
    • Insassen verfügen über bestimmte Kompensationsmöglichkeiten oder über bestimmte Fähigkeiten, sich Angriffen gegenüber unempfindlich zu zeigen
    • Sozial ehrgeizige und frustrierte Patienten aus unteren Schichten treten in engen Kontakt mit den gehobenen Kreisen
  • 7. Themen der Insassenkultur
    • 1. Es entwickelt sich ein besonders geartetes Interesse für die eigene Person
      • Durch die niedrige Stellung der Insassen und dem Entkleidungsprozess wird ein Milieu des persönlichen Scheiterns geschaffen
      • Darauf reagiert der Insasse in der Form, dass er sich eine Geschichte, einen Standpunkt zurechtlegt, die er seinen Schicksalsgefährten erzählt, um seinen gegenwärtigen niedrigen Status zu erklären
      • Konversationen und Interessen des Insassen werden sich noch mehr als draußen um sein Selbst drehen, was zu einem ausgeprägten Selbstmitleid führt
    • 2. Bei den Insassen herrscht weitgehend das Gefühl, dass die in der Anstalt verbrachte Zeit verlorene, vergeudete und nicht gelebte Zeit ist, die abgeschrieben werden kann, sie muss abgesessen oder durchgestanden werden
      • Insassen beschäftigen sich in der Anstalt in ihren Gedanken mit der Zeit, wie dies draußen nicht üblich ist
      • Insasse bekommt das Gefühl, vollkommen vom Leben ausgeschlossen zu sein
      • Demoralisierende Wirkung einer unbegrenzten oder sehr langen Inhaftierung
  • Der Eintritt verursacht eine soziale Entwurzelung
  • Nicht vorhandene Möglichkeit, in der Anstalt etwas zu erwerben, das später im Leben draußen von Wert sein könnte
  • Es gibt kollektive Ablenkungsbeschäftigungen, wie Spiele im Freien, Tanz, Orchester oder Gruppenmusik, Chorgesang, Vorträge, künstlerische Kurse, Kartenspiele
  • Es gibt individuelle Ablenkungsbeschäftigungen, die auf öffentliche Materialien angewiesen sind wie Lesen, Fernsehen oder private Phantasien
  • Einige Aktivitäten werden offiziell vom Stab gefördert, andere, die keine offizielle Förderung erfahren, fungieren als sekundäre Anpassung (Glücksspiele, Homosexualität, Alkohol)
    • Sobald diese Ablenkungsbeschäftigungen zu viel Aufmerksamkeit und Zeit beanspruchen, wird der Stab einschreiten, denn nur die Institution soll von den Insassen Besitz ergreifen
  • Es gibt wenig lebendige, fesselnde Aktivitäten
  • Solche Aktivitäten können dem Individuum helfen, den psychischen Stress auszuhalten, der durch Angriffe auf sein Selbst erzeugt wird
  • Die Unzulänglichkeit dieser Aktivitäten wirkt sich in totalen Institutionen schädlich aus
    • In der Zeit, wo man die Ablenkungsbeschäftigungen dringend benötigt, ist es oft schwierig sie zu erlangen
  • 8. Vorgänge die stattfinden, wenn der Insasse in die Gesellschaft zurückgeschickt wird
  • Obwohl die Insassen für den Tag der Entlassung Sauftouren planen und häufig die Stunden bis dahin zählen, ist die Entlassung für diejenigen, denen sie unmittelbar bevorsteht, ein beunruhigender Gedanke
    • Einige begehen Unbotmäßigkeiten oder verpflichten sich weiter, um der Sache aus dem Weg zu gehen
  • Die Angst der Insassen vor der Entlassung formuliert sich oft in der Frage, der er sich und seinen Freunden vorlegt: "Werde ich es draußen schaffen?"
    • Das zivile Leben erscheint als eine Angelegenheit, über die man sich Sorgen und feste Vorstellungen machen muss
    • Die Bedingungen, die der Mensch in der Außenwelt bei seinen bewussten Handlungen unbewusst voraussetzen kann, sind für den Insassen eine beunruhigende Quelle der Unsicherheit
      • Das ist nur einer der Gründe, warum ehemalige Insassen häufig daran denken, wieder reinzugehen und dies auch häufig tun
  • Ihrem eignen Selbstverständnis nach dienen totale Institutionen meist der Rehabilitierung des Insassen, d.h. die Wiedergewinnung seiner selbst-regulativen Mechanismen, die ihn nach der Entlassung instand setzen sollen, die Normen der Anstalt von sich aus einzuhalten
    • Veränderung wird selten erreicht und wenn ein Wandel eintritt, beinhaltet er oft nicht die vom Personal intendierten Veränderungen
  • Nach der Entlassung wird der Insasse sich begeistert den Freiheiten und Vergnügungen des bürgerlichen Lebens überlassen
    • Insassen vergessen bald nach der Entlassung einen Teil der Wirklichkeit des Lebens hinter Anstaltsmauern und bekommen Heimweh nach den Privilegien, um die sich das Anstaltsleben drehte
    • Schritt für Schritt verliert sich das Gefühl der Entrechtung, Verbitterung und Entfremdung, das die Anstaltserfahrungen im Insassen hervorrufen und das eine Stufe seiner moralischen Karriere bildet
  • Teil der Anstaltserfahrungen, der dem Insassen bewusst bleibt
    • Proaktiver Status: seine soziale Stellung innerhalb der Mauern unterscheidet sich nicht nur radikal von der, die er draußen innehatte, sondern wenn er hinauskommt, wird er auch feststellen, dass seine soziale Stellung nie mehr das sein wird, was sie vor seinem Eintritt war
    • Proaktive Status günstig: Absolventen von Offiziersschule, hierarchischen Klöstern, da kann man mit pompösen Wiedersehensfeiern rechnen
    • Proaktive Status ungünstig: Gefängnisse, Heilanstalten, da ist der Ausdruck "Stigmatisierung" angebracht, und man kann erwarten, dass der ehemalige Insasse sich bemühen wird, seine Vergangenheit zu verheimlichen und Wiederbegegnungen zu vermeiden
      • Personal kann mit der Macht, eine die Stigmatisierung reduzierende Form der Entlassung wählen
  • Individuum ist nicht gewillt oder zu krank, um wieder die Verantwortung zu übernehmen, von der die totale Institution es befreit hat
  • Diskulturation, die darin besteht, dass jemand gewisse, im weiteren Bereich der Gesellschaft erforderliche Gewohnheiten verliert oder sie nicht erwerben kann
  • Stigmatisierung
    • Wenn der einzelne dadurch, dass er ein Insasse geworden ist, einen niedrigen proaktiven Status gewonnen hat, dann wird man ihm draußen in der Welt mit Vorbehalt begegnen
  • Die Entlassung findet meist dann statt, wenn der Insasse es gelernt hat, sich in der Anstalt zurechtzufinden, und wenn er die Privilegien gewonnen hat, die, wie er schmerzlich lernen musste, sehr wichtig sind
  • Der Insasse wird feststellen, dass die Entlassung dem Sturz von der obersten Stufe einer kleinen Welt auf die unterste einer größeren Welt gleichkommt
  • Wenn der Insasse in die freie Gesellschaft zurückkehrt, verfügt er manchmal nur über eine beschränkte Freiheit
    • In manchen Heilanstalten wird der Insasse vor der Entlassung noch einmal interviewt, um festzustellen, ob er noch Abneigungen gegen die Anstalt und gegen diejenigen, die ihn hineinbrachten, hegt und man warnt ihn, den letzteren keine Schwierigkeiten zu bereiten
    • Der Insasse muss versprechen, dass er wiederkommt, sollte er nochmals krank werden oder in Schwierigkeiten sein
    • Der ehemalige Patient stellt häufig fest, dass seine Verwandten und seine Arbeitsgeber angewiesen wurden, sich mit den Behörden in Verbindung zu setzen, falls es mit ihm Schwierigkeiten gibt
    • Haftentlassene müssen häufig ein formelles Versprechen abgeben, mit dem sie sich verpflichten, regelmäßig zur Berichterstattung vorzusprechen und sich von den Kreisen fernzuhalten, in denen sie vor der Einlieferung in die Anstalt verkehrten

 

Die Welt des Personals

1. Totale Institutionen dienen als bloße Aufbewahrungslager für die Insassen

  • Stellen sich der Öffentlichkeit gegenüber als rationale Organisationen dar, die bewusst als effektive Apparate zur Hervorbringung einiger offiziell anerkannter und gebilligter Ziele eingerichtet wurden
  • Offizielle Ziele: Besserung der Insassen im Sinne einer bestimmten idealen Norm
  • Widerspruch zwischen dem, was die Institution tut und dem, was sie offiziell als ihre Tätigkeit angeben muss
  • Personal geht bei seiner Arbeit ausschließlich mit Menschen um
  • Das Personal bringt keine Dienstleistungen hervor, sondern bearbeitet in erster Linie Objekte und Produkte, doch diese Objekte und Produkte sind Menschen
  • Menschliches Objekt ist auf seinem Weg durch das System einer Heilanstalt von einer Kette von Informationen begleitet, die Auskunft geben, was für den Patienten getan wurde, was der Patient getan hat und wer zuletzt die Verantwortung für ihn trug
  • Aufgrund dieser Angaben kann eine Kostenberechnung erstellt werden
  • Die verschiedensten Dienstgrade des Personals fügen seiner Akte ihre Anmerkung bei, sobald er zeitweilig unter ihre Jurisdiktion gerät
  • Nach seinem physischen Tod überlebt seine schriftliche Hinterlassenschaft in der Bürokratie des Krankenhauses
  • Es bedarf bestimmter Gegebenheiten, damit Menschen auf Dauer nutzbringend eingesetzt werden können
  • Temperatur eines Lagerhauses muss, ganz gleich ob sich Menschen oder Dinge darin befinden, reguliert werden
  • Arbeit mit Menschen bringt besondere Gefahren mit sich
  • Patient kann ohne Grund losschlagen und einen Beamten verletzen
  • Manche Pfleger glauben, dass der Kontakt mit Geistesgestörten auf die Dauer ansteckende Wirkung habe
  • In Tuberkulose-Sanatorien und in Leprakliniken fühlt sich das Personal in besonderem Maß durch diese Krankheiten gefährdet
  • Die Arbeitswelt des Personals in totalen Institutionen wird bestimmt durch die Aspekte der Arbeit am Menschen
  • Es gelten allgemeine moralische Grundsätze
  • Mensch wird als ein Wert an sich angesehen
  • Institution trägt Verantwortung für den Insassen und vermutlich ist dies eine der Gegenleistungen, die im Austausch für seine Freiheit garantiert wird
  • Die Insassen bekleiden in der Außenwelt einen Status und haben Beziehungen, auf die Rücksicht genommen werden muss
  • Institution muss einige Rechte, die der Insasse hat, respektieren
  • Die dem Patienten aberkannten Rechte werden einem Verwandten, einem Komitee oder dem Klinikchef übertragen, die damit die juristisch verantwortlichen Personen sind, deren Autorisierung im Zusammenhang mit den meisten Angelegenheiten der Patienten, die mit der Außenwelt zu tun haben, eingeholt werden muss (Sozialversicherung, Einkommenssteuer, Versicherungszahlungen, Erteilung von Sondererlaubnissen zum Besuch von Personen, die nicht unmittelbar zur Verwandtschaft gehören ...)
  • In allen Fragen ist die Anstalt zuständig, auch dann, wenn es nur darum geht, eine Entscheidung an diejenigen weiterzuleiten, die legal ermächtigt sind, eine solche zu treffen
  • An ihre Verantwortung für die Normen und Rechte des Insassen betreffenden Angelegenheiten werden die Mitglieder des Personals von ihren internen Vorgesetzten erinnert und auch von verschiedenen Überwachungsagenturen und von der Verwandtschaft des Insassen; auch die Insassen könne daran erinnern
  • Manche Pfleger in Heilanstalten bevorzugen die Arbeit auf Stationen mit regredierten Patienten, weil diese weniger zeitraubende Ansprüche stellen als die kontaktfähigen Patienten auf besseren Stationen
  • Patienten die eine Behandlung nach Vorschrift verlangen, werden als Nörgler bezeichnet
  • Verwandte überrollen das Personal mit Forderungen, die der Insasse nicht wagen würde zu stellen
  • Die Tatsache, dass die Insassen in verschiedenster Hinsicht als Wert an sich zu gelten haben und die große Anzahl der Insassen konfrontiert das Personal mit Schwierigkeiten, in die derjenige gerät, der Menschen regiert
    • Das Personal hat unter den Widrigkeiten zu leiden, die dem Herrscher das Leben schwer machen
    • Im Falle des einzelnen Insassen kann es notwendig sein, damit die Einhaltung bestimmter Normen gewährleistet ist, andere Normen zu opfern
    • Bestimmte Normen der Behandlung, deren Einhaltung ein Patient mit Recht erwarten darf, können mit den Normen in Konflikt geraten, auf denen ein anderer besteht, und dies kann eine Reihe von Verwaltungsproblemen verursachen (Hauptpforten offen oder zu)
    • Verpflichtung des Personals, bestimmte humane Normen der Behandlung von Insassen einzuhalten stellt ein Problem dar, aber weitere Probleme entstehen durch den ständigen Konflikt zwischen den Normen der Humanität und der Leistungsfähigkeit
      • Die persönlichen Habseligkeiten eines Menschen sind ein wesentlicher Teil des Materials, aus dem er sein Selbst aufbaut
        • Das Personal wird umso leichter mit ihm auskommen, je weniger er davon besitzt
      • Zu- und Abgänge sollen ohne irgendwelchen Besitz kommen und gehen
      • Personen haben keinerlei Recht zu wählen, wo sie untergebracht werden wollen
      • Kleidung der Patienten lässt sich nur frisch und sauber halten, wenn es möglich ist, die schmutzige Wäsche von allen unterschiedslos einzusammeln und die gereinigten Kleidungsstücke nicht nach dem Besitz, sondern nach der ungefähren Körpergröße wieder auszuteilen
      • So wie die persönlichen Habe des Patienten den reibungslosen Arbeitsablauf in der Anstalt beeinträchtigen kann und aus diesem Grund weggenommen wird, können auch Teile des Körpers mit dem effektiven Management in Konflikt geraten, und dieser Konflikt wird zugunsten der Effektivität gelöst
        • Wenn die Köpfe der Insassen sauber gehalten werden sollen, dann besteht das wirksamste Mittel im Kahlscheren des Kopfes, ungeachtet des Schadens, den dies der äußeren Erscheinung zufügt
        • Beißern die Zähne ziehen
        • Sexuell freizügige Menschen festbinden
        • Chronische streitsüchtige Patienten durch Persönlichkeitsänderung (operativ) ruhigstellen
      • Jeder Insasse bringt ein Durcheinander von Statuspositionen und Beziehungen mit in die Anstalt und in Hinblick auf ihn müssen bestimmte humane Normen eingehalten werden
  • Falls ein Insasse das Recht hat, Besuche außerhalb der Anstalt zu machen, dann trägt sie eine gewisse Verantwortung, für den Schaden, der er unter Umständen der bürgerlichen Gesellschaft zufügt
    • Der Urlaub außerhalb des Anstaltsgeländes wird als nachteilig angesehen
  • Es ist möglich, menschliche Objekte durch Drohung, Belohnung oder Überredung Instruktionen zu vermitteln, wobei man dann damit rechnen kann, dass sie dies von sich aus ausführen
  • Während also die Menschen als Arbeitsmaterial viel fügsamer sind als unbelebte Objekte, ergibt sich aus ihrer Fähigkeit, die Pläne des Personals aufzunehmen und auszuführen, dass sie das Personal auch behindern können als unbelebte Objekte, denn diese sind nicht in der Lage, unsere Pläne zu durchkreuzen
    • Wärter oder Heilanstalten müssen auf organsierte Fluchtversuche gefasst sein und dauernd damit rechnen, dass man versucht sie zu provozieren, anzuschmieren oder sie sonst wie in Schwierigkeiten zu bringen
    • Insassen tun dies vielleicht nur, um ihre Selbstachtung zu bestätigen oder der Langeweile zu entgehen
  • Aus diesem Grund wird das Personal versuchen, Entscheidungen, die das Schicksal des Insassen betreffen, vor diesem zu verheimlichen, denn wüsste er die schlimmsten für ihn geplanten Maßnahmen, dann könnte er absichtlich und offen der reibungslosen Verwirklichung Widerstand leisten
  • Personal versucht sich vom Menschen zu distanzieren, es können trotzdem kameradschaftliche Gefühle oder sogar Gefühle von Liebe auftreten
    • Die Gefahr, dass ein Insasse menschlich erscheint, besteht immer, wenn dem Insassen Härten zugeführt werden, dann leidet ein mitleidiger Angehöriger des Stabes
    • Wenn ein Insasse eine Vorschrift übertritt, dann kann das Personal dadurch, dass es ihn als menschliches Wesen ansieht, den Eindruck erhalten, dass seine moralische Welt verletzt wurde
      • Da es von einem vernünftigen Lebewesen eine vernünftige Reaktion erwartet, fühlt sich das Personal unter Umständen beleidigt, beschimpft, bedroht, wenn der Insasse nicht diesen Erwartungen entspricht
      • Insassen können Objekte von Mitleid und Fürsorge werden
        • Engagement-Zyklus
          • Stabsmitglied hält sozialen Abstand zu den Insassen und es kann kaum zu ernsten Schädigungen oder Schwierigkeiten innerhalb der Institution kommen
          • Der Bedienstete sieht nicht ein, warum er sich nicht für einige Insassen freundlich engagieren soll
          • Engagement bringt ihn in eine Lage, in der er durch das, was die Insassen tun und was sie erleiden, verletzt wird und in der er die soziale Distanz verletzt, die seine Kollegen vom Personal den Insassen gegenüber einhalten
          • Hat er dies erkannt, wird er sich auf Büroarbeit, Ausschussarbeit oder anderen Aufgaben zurückziehen, bei denen er nur mit seinesgleichen zu tun hat
          • Nach dem er sich aus dem Gefahrenbereich des unmittelbaren Kontakts mit den Insassen entfernt hat, wird sein Gefühl, vorsichtig sein zu müssen, allmählich abnehmen, und damit kann der Zyklus von Kontakt und Rückzug sich wiederholen
  • Probleme der Arbeit mit Menschen:
    • Es gibt Patienten, die in dramatischer Form gegen ihre eigenen Interessen handeln
      • Kopf gegen die Wand
      • Reißen sich vernähte Wunden auf
      • Zerbrechen ihre Brille, ohne die sie nicht sehen können
    • Um diese selbstzerstörerischen Akte zu verhindern, können die Angehörigen des Personals sich gezwungen sehen, solche Patienten gefügig zu machen, wobei sie sich den Anschein der Härte und des Zwanges geben, und dies gerade in dem Augenblick, wo sie versuchen, jemanden davon abzuhalten, sich das anzutun, was ihrer Meinung nach kein Mensch einem anderen antun sollte
      • Für das Personal sehr schwer, seine eigenen Gefühle unter Kontrolle zu halten

2. Arbeit des Personals wird in einem besonderen moralischen Klima ausgeführt

  • Das Personal ist der Feindschaft und den Forderungen der Insassen ausgesetzt und es ist verpflichtet, den Insassen die Perspektive, die die Anstalt vertritt, zu vermitteln
  • Ziele totaler Institutionen
    • Erreichung eines ökonomischen Ziels
    • Erziehung und Ausbildung
    • Medizinische und psychiatrische Behandlung
    • Religiöse Reinigung
    • Schutz der ganzen Gesellschaft vor Verunreinigung
    • Unschädlichmachung, Vergeltung, Abschreckung und Besserung
  • Einsicht, dass totale Institutionen recht weit hinter ihren offiziellen Zielen zurückbleiben ist weit verbreitet
  • Alle offiziellen Ziele und Grundsätze eignen sich gut um einen Schlüssel zum Verständnis zu liefern, die der Stab und manchmal auch die Insassen auf alle anfallenden Aktionen anwenden können
  • Jede Anstalt muss bemüht sein ihre offiziellen Ziele zu verwirklichen und diese dürfen nicht diffus verfolgt werden
  • Das Interpretationsschema der totalen Institution kommt in Gang, sobald der Insasse eintritt
    • Eintritt ist ein Beweis dafür, dass der Betreffende zu dem Personenkreis gehört, für den die Institution eingerichtet wurde
    • Automatische Identifizierung des Insassen ist Beschimpfung und ein zentrales und fundamentales Mittel der sozialen Kontrolle
    • Personal muss Insassen kontrollieren und die Anstalt im Namen ihrer eigenen anerkannten Ziele verteidigen
    • Personal wird auf eine umfassende Identifikation der Insassen zurückgreifen
    • Das Personal steht hier vor der Schwierigkeit, ein Verbrechen zu finden, das die Bestrafung rechtfertigt
  • Personal drückt angeordnete Privilegien und Strafen häufig in einer Sprache aus, welche die legitimierten Ziele der Anstalt widerspiegelt
  • Insassen müssen dazu gebracht werden, sich selbst in der Weise zu steuern, dass sie leicht zu verwalten sind
    • Erwünschtes und unerwünschtes Betragen werden als etwas definiert, das dem persönlichen Willen und dem Charakter des einzelnen Insassen selbst entspringt und wofür er selbst verantwortlich ist
    • Jede institutionelle Perspektive enthält personalisierte Moralvorstellungen und in jeder totalen Institution entwickelt sich etwas, das einer funktionalistischen Moralauffassung sehr ähnlich ist
    • Die Übersetzung des Insassenverhaltens in moralische Termini, die mit der anerkannten Perspektive der Anstalt übereinstimmen, enthält pauschale Verallgemeinerungen hinsichtlich der Natur des Menschen
    • Personal ist für die Insassen verantwortlich und neigt dazu sich eine Theorie der menschlichen Natur zurechtzulegen
      • Theorie rationalisiert das Handeln, hilft den sozialen Abstand von den Insassen einzuhalten, unterstützt stereotype Vorstellungen über die Insassen und rechtfertigt die ihnen zuteilwerdende Behandlung
      • Theorie bestimmt "gute" und "schlechte" Möglichkeiten des Insassenverhaltens
        • Bestimmt die Formen, in denen Unbotmäßigkeiten begangen werden
        • Bestimmt den Erziehungswert von Privilegien und Strafen
        • Bestimmt den wesentlichen Unterschied zwischen Stab und Insassen
    • Glaube, dass der neue Insasse sich hinterher leichter führen lasse, wenn er gleich bei der Einlieferung dazu gebracht werde, dem Personal tiefste Ehrerbietung zu erweisen
      • Dieser Gehorsam gegenüber den ersten Forderungen breche seinen Widerstand oder seinen Geist
    • Theorie vom Wesen des Menschen ist nur ein Aspekt des in totalen Institutionen angebotenen Interpretationsschemas
    • Arbeit
      • Nachdem draußen nur um der Bezahlung, des Profits willen gearbeitet wird, bedeutet eine Abkehr von diesen Motiven ein Aufgeben bestimmter Interpretationen des Handelns und macht neue Interpretationen erforderlich
        • Patienten werden niedere Aufgaben zugeteilt
        • Es wird behauptet, diese Arbeiten würden dem Patienten helfen, das Leben in der Gesellschaft wiederzuerlernen und seine Bereitschaft wird als ein diagnostisches Anzeichen seiner Besserung gewertet
        • Wenn nicht an die der weiteren Gesellschaft gültigen Grundprinzipien appelliert werden kann, dann entsteht ein gefährlicher Spielraum für Interpretationsexzesse aller Art und folglich für neue Formen der Tyrannei
  • Reglementierung der Insassen wird mit den idealen Zielen oder Funktionen der Anstalt gerechtfertigt, welche humane technische Dienstleistungen erfordern
    • Für solche Zwecke werden Fachleute angeworben
    • Fachleute, die in die Dienste der Anstalt treten, werden schnell das Gefühl haben, dass sie dort nicht wirklich ihrer Berufung nachkommen können und um dem Privilegiensystem eine professionale Sanktionierung zu verleihen
    • Therapie wird oft nur zum Schein unterstützt, außer wenn Besucher in die Anstalt kommen
    • Solche Fachleute sind nicht die einzige Personalgruppe, deren Verhältnis zu den offiziellen Zielen der Anstalt problematisch ist
    • Angehörige des Personals, die in dauerndem Kontakt mit den Insassen stehen, können den Eindruck gewinnen, dass auch ihnen eine widersprüchliche Aufgabe gestellt ist, da sie von den Insassen Gehorsam erzwingen müssen, während sie gleichzeitig den Anschein erwecken sollen, dass menschlichen Normen aufrechterhalten und die rationalen Ziele der Institution verwirklicht werden
letzte Aktualisierung 10. September 2011