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Fürstenberg

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Erziehungswissenschaften

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Humboldt Bildungstheorie

Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen (1792)

"Die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen"

Beginnen möchte ich mit einem Zitat:

"Der wahre Zweck des Menschen, welchen die ewig unveränderliche Vernunft ihm vorschreibt, ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen."

Humboldts Bezugspunkt ist das Innere des Menschen, seine "ewig unveränderliche Natur" und "seine Kräfte", die dem Menschen zunächst nur als Möglichkeit zukommen und die es noch zu entwickeln, zu entfalten oder zu bilden gilt.

 

Bildung ist die "höchste und proportionierlichste" Entfaltung der menschlichen Kräfte zu einem Ganzen.

 

Diese Formulierung lässt sich in vier Bestimmungen zerlegen.

 

Bildung ist Humboldt zufolge:

  • erstens die Bildung von Kräften,
  • zweitens die höchste Entfaltung dieser Kräfte,
  • drittens die proportionierlichste Entfaltung dieser Kräfte, die es schließlich
  • viertens zu einem Ganzen zusammenzufassen gilt.

Theorie der Bildung des Menschen (1793)

Beginnen möchte ich mit der ersten Bestimmung: Bildung der Kräfte und es mit einem Zitat von Humboldt einleiten:

"Im Mittelpunkt aller besonderen Arten der Tätigkeit nämlich steht der Mensch, der ohne alle, auf irgendetwas Einzelnes gerichtete Absicht, nur die Kräfte seiner Natur stärken und erhöhen, seinem Wesen Wert und Dauer verschaffen will."

Der Ausgangspunkt ist wieder der Mensch selbst.

 

Das was den Menschen zum Menschen macht sind nicht seine Absichten, sondern die "Kräfte seiner Natur", die es zu stärken und zu erhöhen gilt.

 

Dem Wesen muss dauerhaft Wert verschafft werden.

 

Nun komme ich zur zweiten Bestimmung: höchste Entfaltung dieser Kräfte und beginne auch hier wieder mit einem Zitat:

"Die letzte Aufgabe unsres Daseins, dem Begriff der Menschheit in unserer Person, sowohl während der Zeit unsres Lebens, als auch noch über dasselbe hinaus, durch die Spuren des lebendigen Wirkens, die wir zurücklassen, einen so großen Inhalt, als möglich, zu verschaffen, [...]."

Menschheit wird als Menschsein verstanden, also das was den Menschen als Mensch ausmacht.

 

Humboldt sieht die Bestimmung des Menschen und das Ziel der Bildung darin, die dem Menschen innewohnenden Möglichkeiten, sein Menschsein, möglichst umfassend zu verwirklichen.

 

Die menschlichen Anlagen soll so hoch und so weit wie möglich entwickelt werden.

 

Es gibt keine Grenzen im Prozess der Kräftebildung.

 

Nun möchte ich auf die vorletzte Bestimmung eingehen: die proportionierlichste Entfaltung dieser Kräfte. Proportionierlich bedeutet so viel wie ausgewogen oder verhältnismäßig.

 

Im Prozess der Bildung sollen die verschiedenen menschlichen Kräfte gleichmäßig, d.h. im Verhältnis zueinander entwickelt werden.

 

Ausgewogen Bildung  zielt auf die Entfaltung aller menschlichen Kräfte, nicht nur des Verstandes, sondern auch der Einbildungskraft oder Phantasie und der sinnlichen Anschauung bzw. Wahrnehmungsfähigkeit.

 

Abschließend möchte ich auf die letzte Bestimmung eingehen.

 

Einzelne Anlagen oder Potentiale entwickeln sich nicht isoliert oder in Konkurrenz zueinander. Sondern sie entwickeln sich so, dass sie sich zu einem harmonischen Gesamteindruck ordnen.

 

Nationen, Zeitalter oder der einzelne Menschen ist danach zu beurteilen, inwiefern es ihm gelungen ist, seine menschlichen Potentiale (das was ihn als Menschen ausmacht) in seiner Person so zu verwirklichen, dass man ein möglichst hohes Bild vom Menschen gewönne, wenn man es nur aus diesem Beispiel ableiten könnte.

 

Jedes Individuum soll ein möglichst würdiger Repräsentant seiner eigenen Gattung sein.

 

Trotzdem soll die Verschiedenheit der Köpfe berücksichtigt werden, d.h. die Eigentümlichkeit der sich bildenden Individuen.

 

Wie soll der Mensch seine individuelle Eigentümlichkeit ausbilden und zugleich die Menschheit als Ganzes verkörpern?

 

Diese Verwirklichung des Ideals menschlicher Vollkommenheit ist nicht individuell, sondern nur gesellschaftlich möglich.

 

Der Einzelne kann und soll zwar versuchen, die Gesamtheit der menschlichen Möglichkeiten so weit wie nur möglich in seiner Person zu realisieren, aber gelingen wird ihm das immer nur unvollkommen und bruchstückhaft. Letztendlich sind dazu nur alle Individuen zusammen in der Lage.

 

Bildung ist kein rein individueller Vorgang, sondern ein gesellschaftlicher Prozess. Dieser Prozess ist auf die Mannigfaltigkeit der Charaktere und die Verschiedenheit und Vielfalt der Individuen angewiesen.

Bildung als Wechselwirkung von Ich und Welt

Wie kann und soll nun das Ziel der umfassenden und ausgewogenen Bildung aller Kräfte zu einem Ganzen realisiert werden?

 

Ich möchte wieder mit zwei Zitaten von Humboldt beginnen:

"Da jedoch die bloße Kraft einen Gegenstand braucht, an dem sie sich über (...) könne, so bedarf auch der Mensch einer Welt außer sich."

"Die letzte Aufgabe unsres Daseins, dem Begriff der Menschheit in unserer Person, sowohl während der Zeit unsres Lebens, als auch noch über dasselbe hinaus, durch die Spuren des lebendigen Wirkens, die wir zurücklassen, einen so großen Inhalt, als möglich, zu verschaffen, diese Aufgabe löst sich allein durch die Verknüpfung unsres Ichs mit der Welt zu der allgemeinsten, regesten und freiesten Wechselwirkung."

Bildung im Sinne der Entfaltung aller menschlichen Kräfte ist für Humboldt nicht im Bezug des Menschen auf sich selber möglich, sondern nur, in dem sich der Mensch an einem Gegenstand abarbeitet, der außerhalb seiner selbst liegt.

 

Dieser Gegenstand ist die Welt. Die Beziehung, in die der sich bildende Mensch zu dieser Welt treten soll wird als Wechselwirkung zwischen Ich und Welt beschrieben.

 

Die Wechselwirkung lässt sich in drei Bestimmungen zerlegen. Die Wechselwirkung soll erstens allgemein, zweitens  rege und drittens frei sein.

 

Ich möchte mit dem letzten Punkt beginnen; die Wechselwirkung soll frei sein.

 

Die bildende Wechselwirkung von Ich und Welt bedarf der Freiheit.

"Der wahre Zweck des Menschen, welchen die ewig unveränderliche Vernunft ihm vorschreibt, ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen. Zu dieser Bildung ist Freiheit die erste unerlässliche Bedingung."

Der Staat enthalte sich aller Sorgfalt für den positiven Wohlstand der Bürger und gehen keinen Schritt weiter, als zu ihrer Sicherstellung gegen sich selbst und gegen auswärtige Feinde notwendig ist, zu keinem anderen Endzweck beschränke er ihre Freiheit.

 

Es soll ein freier Zugang aller Menschen zu möglich vielen Aspekten von Welt geben.

 

Dieser Vorstellung ist auch in der schulischen Bildung in den Schulplänen von Königsberg und Litauen zu erkennen.

 

Humboldt konzipiert drei aufeinander aufbauende Schulformen:

  • die Elementarschule,
  • die Gelehrten-Schule/Spezial-Schule und
  • die Universität.

Alle Kinder sollen einen freien Zugang zur umfassenden Allgemeinbildung erhalten.

 

Die Abstufung der Schule ist nach dem Alter und nicht nach der sozialen Herkunft der Kinder.

 

Die Konzeption soll allen Menschen einen freien Zugang zur Bildung eröffnen. Jedoch konnte die Konzeption zu Humboldts Lebzeiten nicht realisiert werden.

 

Freiheit als Bedingung von möglichst umfassender und ausgewogener Bildung sitzt nicht nur das Recht, sondern auch die ökonomische Möglichkeit zur bildenden Wechselwirkung von Ich und Welt voraus.

 

Nun möchte ich zur zweiten Wechselwirkung übergehen; die Wechselwirkung soll rege sein.

 

Humboldt schreibt beiden Seiten, dem Ich und der Welt eine rege, d.h. aktive Rolle zu.

 

Das Subjekt eignet sich die Welt aktiv und tätig an.

 

Die Welt wird als aktive Instanz konzipiert, in die er sich bildende Mensch eine Empfänglichkeit bewahren oder ausbilden soll, die seiner Selbsttätigkeit komplementär gegenüber steht.

 

Die Welt ist die materielle und gegenständliche Umwelt, andere Menschen und geschaffene kulturelle Objekte.

 

Die Welt dient dem sich bildenden Menschen als Gegenpol für die Entfaltung seiner Kräfte.

 

Abschließend möchte ich auf die letzte Wechselwirkung eingehen; die Wechselwirkung soll allgemein sein.

"Der wahre Zweck des Menschen, welchen die ewig unveränderliche Vernunft ihm vorschreibt, ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen. Zu dieser Bildung ist Freiheit die erste unerlässliche Bedingung. Allein außer der Freiheit erfordert die Entwicklung der menschlichen Kräfte noch etwas andres, obgleich mit der Freiheit eng verbundenes: Mannigfaltigkeit der Situation."

Bildung im Sinne der Entfaltung aller menschlichen Kräfte bedarf einer vielseitigen und abwechslungsreichen Umgebung, durch die möglichst alle Kräfte angesprochen werden.

 

Es darf kein Bereich der Welt aus dieser Wechselwirkung ausgeschlossen werden.

Sprache (n) als Gegenstand und Medium von Bildung

Humboldt schreibt einem Gegenstand, den Sprachen, eine besondere Bedeutung auf die bildende Wechselwirkung des Menschen mit der Welt zu.

Die Sprache ist für Humboldt ein "bildendes Organ der Gedanken". Ein Organ, mit dem die Gedanken überhaupt erst hervorgebracht werden.

 

Jede Sprache stellt eine eigene Ansicht der Welt dar, die mit Lautsystem, Grammatik und Wortschatz dieser Sprache untrennbar verbunden ist und die Vorstellungs- und Empfindungswelt ihrer Sprecher nachhaltig beeinflusst.

 

Humboldt betont die Verschiedenheit und Vielfalt der Sprachen, was zu verschiedenen und unterschiedlichen Weltansichten führt. Dies hat eine große Relevanz für Humboldts Bildungssystem.

 

Bildung ist die Auseinandersetzung mit fremden Sprachen meint jeden Dialog mit anderen Menschen, in dem sich ein Subjekt auf die fremden Weltansichten seines Gegenübers einlässt und auf diese Weise seine eigene Weltansicht überarbeitet/ erweitert oder überschreitet.

Quellen:

Baumgart, Franzjörg (Hrsg.) (2007): Erziehungs- und Bildungstheorien. Erläuterungen - Texte - Arbeitsaufgaben. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Koller, Hans-Christoph (2008): Grundbegriffe, Theorien und Methoden der Erziehungswissenschaft. Eine Einführung. Stuttgart: Kohlhammer Urban Taschenbücher.

Dzierzbicka, Agnieszka; Bakic, Josef; Horvath, Wolfgang (Hrsg.) (2008): In bester Gesellschaft. Einführung in philosophische Klassiker der Pädagogik von Diogenes bis Baudrillard. Wien: Löcker.

Humboldt, von Wilhem (1967): Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen. Mit einem Nachwort von Robert Haerdter. Stuttgart: Philipp Reclam.

 

 

letzte Aktualisierung 28. Juli 2014