Aden-Grossmann, Wilma (2002): Kindergarten. Eine Einführung in seine Entwicklung und Pädagogik. Weinheim und Basel: Beltz Verlag, S. 83-92.
Montessoris Konzeption einer Elementarerziehung
Montessori kritisierte:
Den Drill, die Reglementierung, die Unfreiheit der Erziehung in der Schule
Im System von Belohnung und Strafen erkannte sie die Mittel, mit denen aus unterdrückten Kindern gehorsame und unterwürfige Bürger gemacht wurden
Sie setzte dem eine Erziehung ohne Zwang entgegen, durch die die Kräfte des Kindes sich entfalten können
Pädagogische Grundsätze: Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstständigkeit
Die soziale Aufgabe der "casa dei bambini" (Kinderhaus)
Einrichtung für Kinder zwischen drei und sechs Jahren
Vergleichbar mit unseren Kindertagesstätten
Kinderhäuser erfüllen soziale und pädagogische Aufgaben
Sie waren ein Teil eines römischen Sanierungsprogramms
Gesellschaft hatte in dem Stattviertel Roms San Lorenzo 58 Häuser erworben, die keine sanitären Einrichtungen enthielten
In San Lorenzo lebten Arbeiterfamilien gleich neben Verbrechern, Prostituierte und Menschen, die in äußerstes Elend geraten waren
Innerhalb eines Versuchs, sowohl die Wohnmöglichkeiten als auch den Charakter der Gegend zu verbessern, hatte man die ordentlichen Familien aus der Arbeiterklasse gesammelt und große Mietshäuser für sie aufgebaut
Nach der baulichen Sanierung von zunächst 4 Häusern wurde den Mietern die Auflage erteilt, für die Pflege und Instandhaltung des Hauses selbst zu sorgen
Da in der Regle beide Eltern arbeiteten, blieben die Kinder im Vorschulalter sich selbst überlassen und wurden zu "unverständigen kleinen Vandalen"
In jedem der vier Häuser wurden die Kinder zwischen drei und sechs Jahren in einem großen Saal gesammelt und von einer Lehrerin unterrichtet
Maria Montessori übernahm 1907 die Leitung und nannte sie "casa dei bambini"
Das Kinderhaus wurde von den Mietern indirekt finanziert
Da die Mieter die Instandhaltung selbst übernahmen, konnte die Gesellschaft das dafür vorgesehene Geld für die Kinderhäuser verwenden
Daher war der Besuch des Kinderhauses unentgeltlich
Die Mütter hatten die Verpflichtung, die Kinder sauber in das Kinderhaus zu schicken und wenigstens einmal wöchentlich mit der Leiterin über ihre Kinder zu sprechen
Für eine intensive Verbindung von Kinderhaus und Familie wurde dadurch Sorge getragen, dass die Erzieherin im Hause wohnte
Die Schule ist also in das Haus verlegt und wird dazu zum Eigentum der Gemeinschaft
Montessori schwebte vor, in den Häusern weitere Gemeinschafteinrichtungen zu schaffen, wie eine Krankenstation, eine Gemeinschaftsküche, Leseräume usw.
Sie verstand das Kinderhaus als einen ersten Schritt zur "Sozialisierung des Hauses"
Es gab - durch die unmittelbare Einbettung in die sozialen Beziehungen der Familien am Wohnort - die Möglichkeit, auf die Familien einzuwirken und das Interesse der Mütter an der Erziehung und Pflege der Kinder zu wecken
Die Mütter konnten das Kinderhaus jederzeit besuchen und das Leben ihrer Kinder dort beobachten
Dadurch sollten die Mütter angeleitet werden, die Erziehung ihrer Kinder weiterzführen, wenn sie in die Schule kommen würden
Die Mütter waren z.T. Analphabeten und als ihre Kinder im Kinderhaus lesen lernten, bemühten sich die Mütter, es ebenfalls von ihren Kindern zu lernen
Zu dem sozialen Programm gehörte auch die Kontrolle der körperlichen Entwicklung der Kinder
Die Lehrerin stellte regelmäßig Größe und Gewicht der Kinder fest und badete sie einmal wöchentlich
Die Untersuchungen durch den Schularzt bezogen sich auf den körperlichen Gesamtzustand (frühe Lähmungserscheinungen, Sehvermögen)
Arzt hatte auch therapeutische Maßnahmen zu ergreifen und beriet die Mütter in der Pflege und Ernährung der Kinder
Die pädagogischen Methoden im Kinderhaus
Montessoris Ziel: Unabhängigkeit und Selbstständigkeit der Kinder zu fördern
Montessori kritisiert die herkömmliche Erziehung, in der Kinder als unselbstständig gehalten werden und Erwachsene sie wie ein Objekt behandeln, nicht wie ein Mensch, den man achten sollte
Montessori fordert, die Würde des Kindes zu achten, daher verboten sich Strafe und Lohn in der Erziehung
Das Kind strebt nach Freiheit und Kraft aus seinem Inneren
Montessori hatte es auch mit vernachlässigten Kindern zu tun, die teilweise Verhaltensstörungen zeigten
Störende Kinder wurden von den anderen Kindern abgesondert
Sie wurden an einem Tisch in der Ecke des Zimmers gesetzt, von wo aus sie die anderen Kinder sehen konnten
Sie erhielten Materialien, mit denen sie sich gern beschäftigten
Diese Maßnahme sollte keinen Charakter einer Strafe erhalten, denn man nahm an, dass das Kind innerlich nicht so geordnet sei, um sich sozial angepasst zu verhalten
Die Ruhe, sich allein beschäftigen zu können und die liebevolle Zuwendung der Erzieherin sollten dem Kind helfen, innerlich geordneter und zufrieden zu werden
Montessori hat sich keiner psychischen Richtung angeschlossen
Sie hatte eigene psychologische Anschauungen entwickelt, durch ihre Erfahrungen als Ärztin und ihrer pädagogischen Modellversuche
Die Einrichtung des Kinderhauses und die Beschäftigungsmittel
Die pädagogische Arbeit im Kinderhaus beginnt mit der Einrichtung der Räume
Alle Einrichtungsgegenstände müssen den kindlichen Proportionen entsprechen und auf seine Bedürfnisse abgestimmt sein
Montessori möbliert die Kinderhäuser mit beweglichen kleinen Tischen und Stühlen, mit niedrigen Waschbecken, die es den Kinder erlauben, alle häuslichen Verrichtungen selbst zu tun
Disziplin hieß nicht stillsitzen und ruhig sein, sondern mit Geschicklichkeit und Rücksichtnahme tätig werden
Bei dem didaktischen Material ging Montessori davon aus, dass es nur dann gut und gelungen war, wenn das Kind damit selbsttätig lernen konnte
Fehlerverhalten und Irrtümer des Kindes bei der Anwendung des Materials konnte das Kind selbstständig erkennen und durch wiederholte Versuche korrigieren, sonst halfen die Eingriffe des Erziehers, mit ihm die "richtige", eindeutige Verwendung zu üben
Eine Gruppe von Materialien diente der Übung der Sinne (Tastübungen, Erziehung des Geschmacks- und Geruchssinnes, Übungen der Wahrnehmung, Erziehung des Gehörsinnes)
Kinder wiederholen die Übungen einige Male, bis sie sicher beherrscht wurden, dann hatten sie das Interesse verloren
Das Montessori-Material ist kein Spielzeug mit dem das Kind wieder und wieder spielt, sondern es ist Lehrmaterial, das so konzipiert ist, dass die Lehrerin nicht ständig eingreifen muss, sonder die Selbsttätigkeit des Kindes im Vordergrund steht
Auch in der "intellektuellen Erziehung" des Kindes soll mit größter Einfachheit vorgegangen werden
Wie bei der Erziehung der Sinne geht es darum, dass die Aufmerksamkeit des Kindes isoliert auf einen Gegenstand gelenkt wird
Der erste Schritt ist die "Namengebung"
So berührt z.B. die Lehrerin die glatte und anschließend die raue Karte und sagt dazu: "Das ist glatt, das ist rau."
In der nachfolgenden Probe soll die Lehrerin herausfinden, ob das Kind Namen und Sachen assoziiert
Sie fragt also: "Welches ist glatt, welches ist rau?"
Das Kind deutet auf den jeweiligen Gegenstand
Macht das Kind hierbei einen Fehler, so darf es nicht verbessert werden, sondern die Lehrerin unterbricht den Unterricht und nimmt ihn ein andermal wieder auf
Montessori lehnt die Verbesserung ab, weil hierin ein unausgesprochener Tadel liegt, der das Kind möglicherweise entmutigt
Nach Montessoris Methode dürfen die Kinder das Material nur nach dem ihm innewohnenden Zweck gebrauchen
Verwenden sie es phantasiemäßig, dann werden die Kinder ermahnt
Die gesamte Erziehung war auf die Realität ausgerichtet, wohingegen das freie Spiel kaum Förderung erfuhr
Das Montessori-Material fördert die intellektuelle Entwicklung der Kinder
Die emotionalen Bedürfnisse werden eher mit dem Fröbel-Material befriedigt
Die Lehrerin
Die Anwendung des Montessori-Materials und die Befolgung des Prinzips der Unabhängigkeit und Selbstständigkeit des Kindes erforderte eine konsequente Änderung des Verhältnisses zwischen Kind und Erwachsenem
Es verlangt von dem Erwachsenen die Achtung vor dem Kind und den Verzicht auf Zwang und Herrschaft in der Erziehung
Das bedeutet größte Zurückhaltung der Lehrerin, um die Aktivität des Kindes zu ermutigen und nicht durch die Autorität von Erwachsenen zu lähmen
In der Montessori-Klasse gibt es kaum eine gemeinsame Unterweisung der Kinder
Der Unterricht erfolgt meist individualisierend
Die Kinder wählen das Material, mit dem sie arbeiten wollen, die Lehrerin greift nur ein, wenn die Kinder Hilfe benötigenNicht Tadel oder Ermahnungen hatten diese „Zucht“ bei den Kindern hervorgebracht, sondern die Arbeit mit dem Material
Die Lehrerin soll im Hintergrund bleiben, soll eigentlich passiv sein und dennoch mit der größten Aufmerksamkeit die Kinder beobachten
Sie soll nur dann eingreifen, wenn Kinder das Material nicht in der vorgesehenen Weise handhaben