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Fürstenberg

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Erziehungswissenschaften

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Schleiermacher; Theorie der Erziehung. Vorlesung über die Erziehung aus dem Jahre 1826

Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst (1959): In: Lichtenstein, Ernst (Hrsg.): Schleiermacher. Ausgewählte pädagogische Schriften. Paderborn: Schöningh, S. 36-51.

 

 

Die Aufgabe einer Theorie der Erziehung

1. Die Grundfragen einer theoretischen Pädagogik

a) Der  Ansatz einer wissenschaftlichen Betrachtung der Pädagogik

  • Voraussetzung für den Text ist, dass man weiß, was man unter Erziehung versteht
  • Ursprünglich erziehen die Eltern, aber das tun sie nicht nur allein
  • Die Eltern erziehen nicht nach einer Theorie
  • Erziehungslehre bezieht sich auf diejenigen, die den Eltern beim erziehen helfen
  • Das sind Personen, die in der häuslichen Erziehung für eine bestimmte Zeit mitwirken und Personen, die es sich zu ihrem Lebensberuf gemacht haben an öffentlichen Anstalten  zu wirken, in denen ein Teil der Erziehung übernommen wird
  • Eine Theorie der Erziehung ist für beide vorgenannten Personengruppen notwendig
  • Für die Hauslehrer und die Lehrer an öffentlichen Anstalten ist eine Theorie notwendig, denn die Tätigkeit der einen bildet einen Gegensatz zu der Tätigkeit der anderen
    • Bei den Hauslehrern tritt das Erziehen im engeren Sinne oder die Entwicklung der Gesinnung und des ganzen Wesens mehr hervor als bei den öffentlichen Anstalten
    • Und die Personen an öffentlichen Anstalten konzentrieren sich stärker auf das Unterrichten oder die Vermittlung von Kenntnissen und Fertigkeiten
  • Für beide Arten von Lehrern sucht man in der Erziehungslehre eine Anweisung, eine (Lehr-)Technik
  • Die Vermittlung dieser (Lehr-)Technik unterscheidet sich grundlegend von herkömmlichen universitären Vermittlungstechniken (z.B. nur Stoffvermittlung)
  • Man geht bei der Erziehungslehre von Verhältnissen aus, die ganz zufällig sind
  • Hilfe bei der häuslichen Erziehung (Hauslehrerei) sei nur ein notwendiges Übel, gar nicht etwas Zweckmäßiges und Gutes
  • Das Zusammentreten der Hauslehrer mit den Eltern bringt schwierigste Kollisionen hervor
  • Die Erziehungslehre muss Anweisungen vermitteln, wie Hauslehrer Kollisionen mit Eltern verhindern oder wie im Falle von Kollisionen zu Handeln ist
    • Auf Grund der Vielschichtigkeit keine konkreten Aussagen möglich
  • Wäre es nicht besser, wenn solche Verhältnisse gar nicht beständen?
    • Ob nicht in jeder Familie das Material vorhanden sein müsste, die Kinder ohne fremde Hilfe aus dem väterlichen Hause den öffentlichen Unterrichtsanstalten wohl vorbereitet zuzuführen
    • Das ist nicht möglich, der Grund liegt in häuslichen und politischen Mängeln
    • Hauslehrer müssen versuchen die Mangelerziehung des Kindes basierend auf  häusliche Mängel zu beseitigen ohne umfassend hilfreiche theoretische Grundlagen
      • Die Sammlungen von Erfahrungen und die daraus abgeleiteten Regeln haben nichts Wissenschaftliches
      • Mangelnde Erfahrung bei jungen Hauslehrern kann nicht durch wissenschaftliche Theorien ausgeglichen werden
  • Tätigkeit an öffentlichen Anstalten, wo das Unterrichten die Hauptsache ist
  • Das  Unterrichten an öffentlichen Anstalten beruht nicht auf Zufälligkeit
  • Unterweisung der Jugend in öffentliche Einrichtungen beruht auf Staatsinteresse
  • Staat macht Gesetze
    • das Erziehung in den öffentlichen Anstalten gewährleistet wird
    • Theorie der Erziehung scheint in ein anderes Gebiet, nämlich in die Politik, zu fallen
  • Der  Unterricht (Art des Lehrens) ist wenig abhängig von den Staatsgesetzen
  • Die Theorie des Unterrichts steht in Verbindung mit der Kunst (Wie ist meine Lehrmethode?) und der Wissenschaft (Was lehre ich?)
  • Jede Wissenschaft und Kunst hat ihre eigentümliche Methode
  • Die Didaktik, die Methodik des Unterrichts ist ein Anhang zu den Wissenschaften und Künsten
  • Wenn der Unterricht in Wissenschaft und Kunst so weit vollendet ist, dass jemand daran denken kann sie auf andere zu übertragen, so gibt es für ihn Anstalten (Seminarien) in welchen die Praxis anschließt
  • Lehren über das Lehren muss praxisbezogen sein, ansonsten ist sie ohne Wert
  • Von welchem Gesichtspunkt soll die Vorlesung über die Theorie der Erziehung ausgehen?
  • Die Menschen auf der Erde durchlaufen alle einen gewissen Zyklus des Daseins und verschwinden dann wieder
  • Alle Menschen die gleichzeitig einem Zyklus angehören werden immer in die jüngere und die ältere Generation unterteilt und die letztere scheidet eher von der Erde
  • Betrachtet man größere Massen an Menschen so ist zu erkennen, dass der Generationenwechsel unterschiedlich geprägt ist, es gibt darin ein Steigen und Sinken in jeder Beziehung (Stoffvermittlung in jeder Beziehung)
  • Dem Steigen und Sinken liegt menschliche Tätigkeit zu Grunde
  • Die Tätigkeit ist umso vollkommener, je mehr ihr eine Vorstellung von dem was geschehen soll vorangeht, und ein Typus vorliegt wonach die Tat eingerichtet werden muss, d.h. je mehr sie Kunst ist
  • Ein großer Teil der Tätigkeit der älteren Generation erstreckt sich auf die jüngere, und sie ist umso unvollkommener, je weniger gewusst wird was man tut und warum man es tut
  • Es muss eine Theorie geben, die von dem Verhältnis der älteren Generation zur jüngeren ausgehend sich die Frage stellt: Was will denn eigentlich die älterer Generation mit der jüngeren? Wie wird die Tätigkeit dem Zweck, wie das Resultat der Tätigkeit entsprechen?

 

b) Die Theorie der Erziehung als eine sich an die Ethik anschließende Kunstlehre

  • Tätigkeit der älteren Generation auf die jüngere muss den Charakter der Kunst (Unterrichtskunst/-lehre) an sich tragen
  • Es muss eine Erziehungslehre geben, denn jede Kunst fordert eine Kunstlehre
  • Es gibt auch menschliche Tätigkeiten, bei denen der Charakter der Kunst zurücktritt
  • Ist Erziehen wirklich eine Kunst?
  • Der Mensch ist ein Wesen welches seine geistige und intellektuelle Entwicklung vom Anfang  des Lebens an bis zum Punkt der Vollendung in sich selbst trägt
  • Ohne diese geistige, intellektuelle Entwicklung würde keine Veränderung des Subjekts stattfinden, nur Veränderungen mechanischer Art
  • Veränderungen eines lebendigen Wesens werden durch Einwirkungen von außen mitbestimmt und modifiziert
  • Die Entwicklung der einzelnen ist bedingt durch die gemeinsame Natur, die sie zur Gattung macht und durch ihre gegenseitige Einwirkung; denn ohne das gibt es kein menschliches Geschlecht, keine menschliche Gattung
  • Verhältnis zwischen innerem Entwicklungsprozess und den äußeren Einwirkungen kann verschieden sein, denn jedes kann Minimum und Maximum sein
  • Umso geringer der Einfluss von Außen, umso weniger kann es als Kunstlehre betrachtet werden
  • Kann nun der Einfluss der älteren Generation auf die jüngere so gering sein, dass es nicht mehr als Kunst bezeichnet werden kann?
  • Die Beantwortung der Frage ist geschichtlich und aus dem Begriff heraus möglich
  • Da letzteres zu vielschichtig ist, fokussiert Schleiermacher sich auf die Geschichte und beantwortet die Frage aus der Erfahrung:
  • Jüdischen Völker:
    • Ein in sich selbst gegründetes Volk mit einem gewissen Grad an Bildung
    • Öffentliche Erziehungsanstalten waren nur beschränkt vorhanden
    • Erziehung wurde größtenteils in den Familienkreisen gelehrt
    • Unsere Religion ist auf deren Religion aufgebaut
  • Griechische Völker:
    • Erziehung fiel überwiegend in das Gemeinwesen, sie war öffentlich und stand in Verbindung mit der Gesetzgebung
    • Unsere Kultur ist auf deren Kultur aufgebaut
  • Das daraus folgende Resultat war:
    • Bei beiden Völkern fehlte nicht der Charakter der Kunst, denn die äußeren erzieherischen Einwirkungen auf die großen Wert gelegt wurden, waren vorhanden
  • Auf jedem Gebiet der Kunst ist die Praxis viel älter als die Theorie
  • Die Bedeutsamkeit der Praxis ist unabhängig von der Theorie, denn die Praxis erlangt ihre Bedeutsamkeit nicht mit der Theorie
  • Die Praxis wird nur mit der Theorie eine bewusstere
  • Versuchen wir nun der geschichtlichen Betrachtung einen wissenschaftlichen Charakter zu geben
  • Stellen wir uns vor das ein einzelner Mensch von Beginn seines Lebens isoliert aufwächst
  • Die Erfahrung sagt uns, dass er nicht bestehen könnte
  • Vom Anfang des Lebens ist also ein Übergewicht der äußeren Einwirkungen über die innere Entwicklungskraft notwendig
  • Würde der Mensch nun isoliert aufwachsen, aber durch äußere Einwirkungen seine Kräfte bis auf einen gewissen Grad entwickelt haben, so ist es möglich, dass er sich allein forthelfen kann
  • Jedoch wird seine intellektuelle Entwicklung nicht in dem selben Grad gedeihen wie in der Gesellschaft
  • Der in der menschlichen Gesellschaft lebende wird weiter kommen als der isoliert stehende
  • Vernunftbildung bleibt bei dem isoliert lebenden sehr zurück
  • jede folgende Generation hinter der früheren Generation würde sehr zurückbleiben, wenn die Einwirkung der älteren Generation auf die jüngere fehlte
    • jede Generation müsste neu anfangen  und etwas tun was vorher schon getan wäre
      • von der Entwicklung des Menschengeschlechts würde keine Rede mehr sein
    • zwar muss jeder Mensch von vorn anfangen, aber es kommt darauf an wie schnell er dahin gebracht wird (auf den aktuellen Wissensstand)
    • je mehr dies beschleunigt wird, desto mehr werden die Kräfte zur Entwicklung des Geistes erregt
  • das Einwirken der älteren Generation auf das jüngere Geschlecht ist ein Teil der sittlichen Aufgabe, ein rein ethischer (gewöhnlicher, sittlicher) Gegenstand
  • je stärker die Wissensvermittlung betrieben wird, desto weniger darf die Kunstlehre dem Zufall überlassen werden – intensives Nachdenken über die Art der Wissensvermittlung
    • die Art des Lehrens ist  kein Zufall, sondern das Ergebnis geistiger Arbeit
  • die Theorie der Erziehung steht in genauer Beziehung zur Ethik und ist eine Kunstlehre

 

c) Das Verhältnis der Pädagogik zur Politik

  • Wie lange wirkt die ältere Generation auf die Jüngere ein??
    • Dafür gibt es keine Grenzbestimmung
  • Aber nicht nur die ältere Generation wirkt auf die jüngere Generation ein, sondern mit der Zeit kommt es zum Zusammensein beider Generationen die gemeinsam  auf ein Ziel hinarbeiten
  • Wenn dieses Zusammenwirken zunimmt, nimmt die Einwirkung der älteren Generation auf die jüngere ab und wird am Ende gleich Null, dann hat die Erziehung aufgehört
  • Jede große Masse von Menschen bildet ein gemeinsames geistiges Leben
  • Wo  dies bis zu einem bestimmten Punkt entwickelt ist entsteht ein großes lebendiges Ganzes- der Staat
    • dieser besteht durch menschliche Handlungen fort, denn er ist nur ein Komplex von solchen
    • das geistige Leben muss sich in ihm steigern, die Handlungen müssen dem Typus nach gleichbleiben
      • führt zu einem Fortschreiten der Vollkommenheit
  • Es ist eine Theorie zur richtigen Gestaltung und Anordnung des gemeinsamen Lebens im Staate notwendig
    • Wie jenes Ziel zu erreichen ist, dass der Staat beim Wechsel der Generationen fortbestehe und sich in seiner Gesamttätigkeit steigert
      • Nur möglich durch Politik
    • Pädagogik und Politik (beide ethischen Wissenschaften) greifen auf das vollständigste ineinander ein
    • Die Politik wird ihr Ziel nicht erreichen, wenn die Pädagogik sie nicht dabei unterstützt
    • Je mehr das Gesamtleben im Staate gestört ist, um so weniger kann eine richtige Ansicht auf die Einwirkung der älteren Generation auf die jüngere bestehen
    • Pädagogik ist ein Teil der Ethik
    • Pädagogik wird aus der Ethik abgeleitet
    • Pädagogik wird durch Politik bestimmt
  • Über das Verhältnis dieser beiden Wissenschaften (Politik und Pädagogik) gibt es zwei verschiedene Ansichten
  • Unterschied zwischen unserer christlichen Zeit und der früheren heidnischen Zeit
  • Unsere Zeit:
    • Kennt Leben im Staat und Leben in der Kirche
    • Keines wird dem anderen untergeordnet, beides besteht nebeneinander
    • Kirchen können nicht Staat sein und der Staat kann nicht eine Kirche sein
    • Kirchen sind staatenunabhängig und bilden ein großes Ganzes
    • Teilung/Zusammenschluss von Kirchen (Glaubensrichtungen) bedeutet nicht die Teilung/Zusammenschluss von Staaten
    • Wenn das  der Fall ist, dann bestehen Kirche und Staat nebeneinander
    • Daraus folgt, es ist Teil der sittlichen Aufgabe das kirchliche Gesamtleben von der älteren zur jüngeren Generationen zu übertragen, genau so wie im Staat
    • Die Theorie der Erziehung muss sich gleichermaßen auf das Leben in der Kirche und das Leben im Staat beziehen
  • Zusammenfassend kann sehr allgemein festgestellt werden, dass die Einwirkung der älteren Generation auf die jüngere einer Theorie, einer Kunstlehre (Unterrichtslehre, Didaktik) bedarf, die sich an der sittlichen Tätigkeit der älteren Generation orientiert
letzte Aktualisierung 10. April 2011