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Fürstenberg

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Eileen / Deutsch

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"Die Abenteuer des Werner Holt" Dieter Noll

Rezension erstellt von Eileen Fürstenberg

Kurs 13/2    Richard Wossidlo Gymansium Ribnitz-Damgarten, 2008

55 Millionen Tote, 35 Millionen Verwundete und 3 Millionen Vermisste, Deutschland reißt die Welt ins Verderben- die grausame Wahrheit des 2. Weltkrieges- eine Generation erinnert sich:

"Wenn wir zusammen in den Krieg kommen, dann wollen wir zusammenhalten [...]. Es ist gut, wenn man im Krieg einen Freund hat." (S.20 Z.20-21)

"Die Abenteuer des Werner Holt" beginnen in einem kleinen idyllischen Städtchen. Holt, der Protagonist des zweibändigen Antikriegromans des DDR- Schriftstellers Dieter Noll, lebt weit entfernt von seiner Mutter, doch mit ihrer Erlaubnis und ihrem Geld. Deutschland ist zu dieser Zeit ständigen Bombardements der Alliierten ausgesetzt.

Anfangs ist es für Holt schwer sich als Neuer einen Status innerhalb der Klasse aufzubauen und erst nach vielen Bemühungen findet Holt in Gilbert Wolzow einen guten Freund. Diese Freundschaft wird zum Leitfaden des Buches und die Abenteuer beginnen ...

Mit den Worten Wolzows: "Sitzenbleiben oder nicht, darauf kommt's doch gar nicht mehr an... Wir rücken bald ein." (S.17 Z.28) melden sich die beiden Freunde und ihre Klassenkameraden Sepp Gomulka, Christian Vetter und Peter Wiese kurz vor ihrem Abitur und mit Ausnahme von Wiese freiwillig und voller Begeisterung als Flakhelfer zum Militärdienst. Wiese hat kein Interesse am Krieg. Er ist mehr von klassischer Musik angetan und untauglich für den Wehrdienst. Als Einziger unter ihnen beugt er sich dem Druck seiner Eltern.  Im Frühjahr 1945 geht es für die fünf Kameraden an die Ostfront.

Wolzow, der Sohn eines Obersts, ist bis zum Ende des Kriegs überzeugt, dass er ein Held ist der kämpft und siegen wird. Er übernimmt das Kommando für die kleine Truppe.

Holts anfängliche Begeisterung für den Krieg, das Streben nach Härte und Bewährung sowie die Unverständlichkeit der humanistischen Lebenseinstellung seines Vaters verblassen mit der Zeit. Auf der Suche nach Geborgenheit geht Holt eine ungewöhnliche Beziehung ein. Er beginnt ein erotisches Abenteuer mit der Frau eines SS-Offiziers, welches ihn im Nachhinein mit Abscheu erfüllt. Auf Heimaturlaub macht er die Bekanntschaft mit Gundula Thieß und die Liebe zu ihr prägt seine weitere Entwicklung.

Bei einem Einsatz gegen slowakische Partisanen verhilft Holt der jungen Milena und deren Vater zur Flucht und ihm wird zum ersten Mal die Grausamkeit des Krieges bewusst. Als Wolzow an der Front einen aus Angst vor den vorwärts dringenden russischen Panzern weglaufenden 16-jährigen Jungen erschießt, und die Truppe im slowakischen Sägewerk verstümmelte Menschen auffindet, beginnt Holt immer mehr am Sinn des Krieges und der Gerechtigkeit zu zweifeln. So sehr Holt auch unbeschwert an den Führer und den Krieg glauben will, regt sich zunehmend sein Gewissen. Noch sind aber Freundschaft und Kameradschaft für Holt wichtiger als die Zweifel an der Richtigkeit des Erlebten. Während für Wolzow der Krieg immer noch das Maß aller Dinge ist und er Gefühle als Ausdruck der Schwäche nicht zulässt, gerät Holt immer mehr in Gewissenskonflikte. Wolzow ist prinzipientreu und seine weitere Karriere an der Front ist bereits festgelegt. Aus einer alten preußischen Offiziersfamilie stammend, sieht er das Leben aus einem militärischen Blick- Kampf um des Kampfes Willen. Alles muss planbar sein, Treue und Kampfesmut sind Tugenden, Verrat und Wanken verachtet er.

Nachdem Wiese von einem SS- Mann erschossen wird, weil er die Ermordung eines KZ- Häftlings während eines Todesmarsches verhindern will und sich Gomulka durch die anrückende Roten Armee gefangen nehmen lässt, kann auch Werner keine Freundschaft mehr zu Wolzow empfinden. Die Sinnlosigkeit eines weiteren Kampfes ist ihm bewusst. Er entwaffnet Wolzow und flieht selbst. Als er kurze Zeit später davon erfährt, dass Wolzow durch einen SS- Trupp erhängt werden soll, kehrt er zurück. Obwohl er Wolzow vor seinen Augen sterben sieht, tötet er die wehrlosen SS- Männer mit einem Maschinengewehr. Holt gelangt schließlich in amerikanische Kriegsgefangenschaft und nach seiner Entlassung macht er sich auf den Weg zu Gundel, die auf ihn wartet und mit der er ein neues Leben beginnen will.

"Zwei alte Krieger wie uns, die trennt nur der Tod!" (S.20 Z.23-24)

Der 1960 verfasste Antikriegsroman von Dieter Noll ist in die Epochen der Nachkriegsliteratur als auch DDR-Literatur einzuordnen. Es ist kein autobiographisches Werk, und doch spiegeln sich in dem Roman einige Erlebnisse Nolls wieder. Durch die auktoriale Erzählperspektive, die Einbeziehung der gesellschaftlichen Verhältnisse und die umgangssprachliche, zum Teil auch saloppe Wortwahl können besonders viele spannende, grauenvolle und glaubwürdige Details der Kriegsgeschehnisse geschildert werden. Durch dramatische Dialoge, direkte Rede und innere Monologe gewinnt das Werk an Emotionalität. Als besonderes Stilmittel variiert Noll die Namensgebung der Figuren, und es fällt eine Häufung der Anrede mit den Nachnamen auf, was auf ein reiferes Persönlichkeitsbild seiner Figuren schließen lässt. Der parataktische Satzbau und die vielen Pausen lassen den Leser verstehen und geben ihm Zeit, die grausamen detailierten Beschreibungen zu verarbeiten und zu durchdenken.

Es ist ein sehr interessantes Buch, das die Schrecken des 2. Weltkrieges aus der Perspektive eines jungen Deutschen schildert, der den Übergang vom Nationalsozialismus zum Sozialismus schafft. Schonungslos werden Brutalität und das Grauen des Krieges offenbart. Dem Leser wird ein außerordentlich realistisches Bild dieser Zeit gegeben. Der Rezipient  durchlebt die Jugend des Protagonisten und sieht die Welt aus Holts Perspektive. Dadurch wirkt der Roman glaubhaft und ist zugleich spannend. Alles fängt mit einer scheinbar unbeschwerten Jugend an und Holt zeigt uns, dass es nicht nur ein Frontenkrieg zwischen den herrschenden Mächten ist, sondern auch ein Krieg eines jeden mit seinem Gewissen. Treue zum oder Verrat des Vaterlandes sowie eigenständiges Denken oder bloße Pflichterfüllung liegen oftmals nahe beieinander.

Der Held ist entsetzt, als er der Grausamkeit des Frontenkrieges gegenübersteht, wie die Macht sich mit dem Verbrechen verbindet und die Menschlichkeit in Vergessenheit geriet.

"Er faßte Wolzow in Auge. [...] ein Verbrecher, der mit angemaßter Macht Mensch auf Mensch in den Tod schickt, ein Mörder von Berufung und Beruf. Und ich war sein Werkzeug, seine Kreatur, sein Zutreiber, dachte Holt. [...]

Ich hab auf der falschen Seite gestanden, von Anfang an in der Slowakei, im Osten, immer bis heute. Ich hab alles mitgemacht. Ich hab geschwiegen und zugesehen. Etwas davon war auch in mir. Und nun bin ich schuldig." (S.281 Z.28-S.282 Z.2)

55 Millionen Tote, 35 Millionen Verwundete und 3 Millionen Vermisste, Deutschland reißt die Welt ins Verderben- war es das wert?

letzte Aktualisierung 15. März 2008