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Fürstenberg

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Eileen / Deutsch

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"Woyzeck" von Georg Büchner

Theaterrezension verfasst von Eileen Fürstenberg

Elektronische Klänge, Dunkelheit, Nebel und eine mit durchsichtiger Folie verhängte Bühne steigern die Erwartungen des jungen Publikums am 15.Mai 2007 um 10 Uhr in der Barther Boddenbühne. Licht durchflutet den Raum, schnelle und verzerrte Bewegungen eines Soldaten erhöhen die Aufmerksamkeit und den Drang auf ein mehr wahnsinniges und außergewöhnliches Schauspiel. Mit den Worten des Doktors an den Soldaten "Woyzeck; Er hat auf die Straß gepisst, an die Wand gepisst, wie ein Hund..." und dem Abreißen der Folie eröffnet sich das Bühnenbild und damit verschwindet die anfängliche Ahnungslosigkeit der Zuschauer. Das sozialkritische Drama nimmt seinen Lauf...

Der Soldat Franz Woyzeck, gespielt von Tibor Oltyan, lässt sich von einem rücksichtslosen Arzt als Versuchsperson auf eine Erbsendiät setzen, um einen zusätzlichen Verdienst zu seinem mageren Einkommen als Laufbursche seines Hauptmanns (Rolf Günther) zu erhalten. Er liebt seine Frau Marie (Franziska Krol) und das gemeinsame uneheliche Kind und möchte ihnen ein schönes Leben bieten können. Die enormen psychischen Belastungen zehren ihn völlig aus und die öffentlichen Demütigungen des Doktors (Mathis Köllmann) und des Hauptmanns verletzen ihn.

Visionen und innere Stimmen treiben ihn zur Verzweiflung, während seine Marie sich vom Tambourmajor (Jan Kittmann) verführen lässt. Doch ihre Affäre bleibt Woyzeck nicht verborgen, die Stimmen seines Unterbewusstseins und die Eifersucht befehlen ihm, die treulose Marie umzubringen. Er kauft ein Messer und ersticht sie ihm Wald.

Das Bühnenfragment Georg Büchners basiert auf einen authentischen Mordfall in Leipzig 1821 und stellt die gesellschaftlichen Hintergründe und insbesondere die ständische Gliederung der Gesellschaft dar. Büchner ist ein Mittler zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Die geschichtlichen Ereignisse erfahren eine literarische Umformung, zu der sich der Zuschauer in Beziehung setzen kann und außerdem zu einer produktiven Auseinandersetzung mit der Thematik herausgefordert wird.

Die Suche Woyzecks nach einem glücklichen Leben war erfolglos. Er wird Opfer, Täter und Getriebener. Die Unterdrückung durch den Hauptmann, Doktor und Tambourmajor lösen in ihm Wut und Verzweiflung aus. Nur die Beziehung zu Marie gibt ihm Halt und vermittelt ihm anfangs das Gefühl, ein wertvoller Mensch zu sein. Durch die hinzukommende Affäre seiner Frau wird das Opfer durch psychische Störungen zum Täter getrieben. Die aufgestauten Aggressionen, der gesellschaftliche Druck und die Eifersucht führen zum Mord Maries und zur inneren Befreiung Woyzecks von der Gesellschaft.

Die dichten Dialoge, die lose Struktur der Szenen, grammatische Fehler und der Sprachdialekt schaffen eine Spannung und zeigen den gesellschaftlichen Rang des Woyzecks an.

Durch gute schauspielerische Leistungen wird Büchners Drama glaubhaft dargestellt. Dieses "Echtwirken" der Schauspieler, wird durch die Theaterkostüme unterstrichen, welche sehr authentisch wirken und dem Zuschauer ermöglichen ganz in die Welt des Woyzecks einzutauchen. Nicht nur dem Hauptmann schwindelt es vor dem Menschen Woyzeck, sondern ebenso dem Zuschauer, wenn er in dessen verwirrtes, exzentrisches Gesicht blickt.

Mit moderner Musik gelingt es dem Theaterensemble den Zuhörern die geschichtlichen Ereignisse zeitgemäß näher zu bringen. Sie spannt gekonnt den Bogen zwischen Woyzecks und der heutigen Zeit und lockert das Theaterstück mit den Vorwürfen Büchners an die frühere Gesellschaft auf.

Die Schüler der Jahrgangstufe 12 des Richard-Wossidlo-Gymnasiums Ribnitz-Damgarten wurden durch eine gelungene Inszenierung für eineinhalb Stunden in die Welt vergangener Zeit, in das alltägliche Leben eines Menschen aus der unteren Klasse, entführt und sind sich einig, eine solche Aufführung erneut zu besuchen.

letzte Aktualisierung 8. März 2008